Täglicher Archiv: Herausforderung

l'amour est bleu Thien Maxikleid Jasmine

3 JAHRE L’AMOUR EST BLEU

Stehst du manchmal vor so großen Herausforderungen, dass du nicht weißt, wie du sie meistern sollst? Das beschreibt am besten das Gefühl, dass ich vor der Gründung von l’amour est bleu hatte. Heute blicke ich auf das dreijährige Firmenjubiläum zurück und die  große Herausforderung von damals fühlt sich bereits so weit weg an.

Berlin: Geburtsstadt der Träume

In meiner Heimatstadt Hamburg hatte ich bereits mehrere Anläufe zur Gründung eines Modelabels gestartet – allein oder im Team, beides sollte einfach nicht klappen. Dann entschieden mein Mann und ich endlich in die Stadt zu ziehen, die uns regelmäßig anzog: Berlin. Ich kündigte meinen Job in Hamburg und war fest davon überzeugt in Berlin ohne Probleme eine neue Anstellung zu finden. Angebote in der Modebranche gab es genug, doch bereits das erste Vorstellungsgespräch verdeutlichte mir, dass ich etwas Anderes wollte.

Die Tatsache, dass ich Gehaltseinbußen, schlechtere Arbeitsbedingungen und einen langen Arbeitsweg hätte in Kauf nehmen müssen, war Grund genug mich zu fragen: “Willst du das wirklich?” Zurück ins Hamsterrad zu gehen und sich dabei gleichzeitig mehrere Etagen abwärts zu begeben? Für mich war die Antwort eindeutig “Nein!” Ich gab meinem Traum vom eigenen Modelabel eine weitere Chance. Dafür nahm ich auch in Kauf kein Gehalt mehr zu verdienen und mich auf die schlechtesten Arbeitsbedingungen Deutschlands einzulassen! Ich gewann aber Dinge hinzu, die ich in meinem vorigen Berufsleben nicht hatte. Volle Flexibilität, Leidenschaft und vollkommene Entscheidungsfreiheit.

l'amour est bleu Blog

Wie könnte ich alle konventionellen Vertriebskanäle umgehen und zudem noch erwarten, dass Kunden mehr als drei Tage auf ihre Bestellung warten würden! Mal abgesehen davon könne sie auch nicht erkennen, was l’amour est bleu von anderen Modemarken unterscheiden würde. Ich fühlte mich wie die dämliche Modedesignerin, die vom Business gar keine Ahnung hatte.

Business-as-usual funktioniert nicht

Ich tüftelte ein Jahr lang an meiner Idee, um sie im Anschluss von einer Beraterin zerreißen zu lassen. Wie könnte ich alle konventionellen Vertriebskanäle umgehen und zudem noch erwarten, dass Kunden mehr als drei Tage auf ihre Bestellung warten würden! Mal abgesehen davon könne sie auch nicht erkennen, was l’amour est bleu von anderen Modemarken unterscheiden würde. Und so ging es den ganzen Termin lang. Ich fühlte mich wie die dämliche Modedesignerin, die vom Business gar keine Ahnung hatte. Sie verunsicherte mich so sehr, dass ich ihren Rat befolgte und l’amour est bleu im ersten Jahr im Business-as-usual-Modus betrieb. Ich wendete alles an, was ich in meinen zehn Jahren Berufserfahrung gelernt hatte. Alle drei Monate eine neue Kollektion, sich nach der Konkurrenz richten und schön die Gewinnmargen halten. Kaum war die erste Kollektion entworfen, musste schon die zweite entworfen werden. Doch nach welchen Erkenntnissen? Die erste Kollektion wurde noch nicht einmal angeboten! Drei Monate nach der ersten erschien bereits die zweite Kollektion und weitere drei Monate später die dritte. Während die erste Kollektion gut anlief, verkauften sich die beiden darauf folgenden Kollektionen schlecht.

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Was mache ich jetzt anders?

Mein Gefühl spielt bei allen meinen Entscheidungen wieder eine grundlegende Rolle. Die Designs der ersten Kollektion basierten nicht auf Trends oder auf den Kollektionen der Konkurrenz, sondern schwebten schon lange in meinem Kopf herum. Genauso entwarf ich auch meine vierte Kollektion. Ich entwarf aus dem Herzen heraus. Natürlich schaute ich nach links und rechts, was die anderen machten und ließ mich von interessanten Ideen inspirieren. Doch ich entwarf ganz frei die Kleidungsstücke, von denen ich glaubte, dass meine Kundinnen sie in ihrem Kleiderschrank gebrauchen könnten.

Von der Vorproduktion zur nachhaltigen Made-to-order

Eine weitere grundlegende Veränderung betraf die Produktion. Hingegen aller Gegenstimmen wollte ich Made-to-order testen. Das Glück wollte es, dass mir meine Freundin Jovan ihre damalige Schneiderin Karen vorstellte. Karens Atelier ist fünf Minuten von meinem Homeoffice entfernt und sie hatte bereits Erfahrung mit Auftragsarbeiten. Hochschwanger tanzte ich bei ihr an, um mit ihr meine Idee zu teilen. So unkompliziert wie Karen ist, war sie bereit es auszuprobieren. Die erste Made-to-order Kollektion war ein Volltreffer! Die Designs waren gut und die Kunden akzeptierten die längere Lieferzeit von ein bis zwei Wochen. So schob ich die nächsten Monate den Kinderwagen zwischen meinem Homeoffice und Karens Atelier hin und her und holte Bestellungen ab. Perfekter konnte es für die Elternzeit nicht laufen!

Als nächstes brach ich das Gesetz vom Halten der Gewinnmarge: Ich nahm eine geringere Marge in Kauf. Bei Einzelanfertigungen kann ich nicht vom Skalierungseffekt “je mehr, desto günstiger” profitieren. Für mich hat das ohnehin wenig mit Nachhaltigkeit zu tun, genauso wenig wie Schneider*innen nur einen Bruchteil an jedem genähten Kleidungsstück verdienen. Meine Schneiderinnen verdienen jetzt teilweise mehr als ich an jedem verkauften Kleidungsstück. Das ist für mich ein fairer Preis, den ich bereit bin zu zahlen.

l'amour est bleu Thien Huynh

Aus dem Herzen heraus zu entwerfen erfordert Mut

Aus dem Herzen heraus zu entwerfen erfordert viel mehr Mut, als es beim Kopieren anderer Designs bedarf. Ich entwerfe immer noch aus dem Herzen heraus und werde mit jeder Kollektion mutiger. Zum heutigen Zeitpunkt kann ich dir noch nicht sagen, wie die neue Kollektion in einem Monat aussehen wird. Es schweben einige Ideen, Themen und Farben in meinem Kopf herum, die zusammen ein stimmiges Ganzes ergeben werden. Das Einzige, was ich dir sagen kann, ist, dass sehr viel Liebe und Arbeit hinein fließen wird.

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Mein verpackungsfreier Januar_Bild Brooke Cagle

Mein verpackungsfreier Januar


Einer meiner Vorsätze für 2018 ist „nachhaltiger Leben“. Wir achten bereits darauf unseren Alltag so umweltschonend wie möglich zu gestalten, doch es existiert noch genug Luft nach oben. Ich fand es super, dass Franzi mich dazu aufrief an ihrem #verpackungsfreien Januar mitzumachen – zusammen macht so eine Challenge mehr Spaß (oder fordert mich mehr heraus durchzuhalten!). Mir war von vornherein bewusst, dass es für meine 3-köpfige Familie mit Kleinkind eine schwierige Herausforderung sein würde. Aber zu einer fordernden und sinnvollen Challenge habe ich noch nie nein gesagt.




Tag 1: Adieu Kaffee-Kapseln

Ganz feierlich weihte ich die Challenge am ersten Tag mit einer symbolischen Tat ein: Ich beschloss, keine Kaffee-Kapseln mehr zu benutzen! George Clooney und der Hype um Nespresso waren mir sowieso schon immer ein Dorn im Auge. Ich bin leider dem Geschmack und der Convenience verfallen – und den Überredungskünsten meines Mannes und des Verkäufers. Jahrelang hat uns diese Maschine ein bis zwei Kaffee pro Tag zubereitet. Doch pünktlich am ersten Januar holte ich unsere Espressokanne aus dem Schrank und bereitete Kaffee darin zu. Der Geruch von frisch gekochtem Kaffee am Morgen ist ein Traum! Und der Kaffee schmeckt 1000 Mal besser als der aus der Kapsel. Der etwas höhere Zeitaufwand lohnt sich allemal. 14 weniger Kapseln in der Woche sind 728 weniger Kapseln im Jahr. Zählt man meinen Mann dazu, sparen wir jetzt 1.456 Kapseln pro Jahr! Chakaaaaaaa!!!



l'amour est bleu Blog_Mein verpackungsfreier Januar




Tag 2: Wie mein Mann meine Challenge sabotierte

Ganz unvorbereitet begab ich mich mit meinem Mann zum ersten Supermarkt-Einkauf – nach Feierabend mit unserer Tochter. Der Todesschuss für meine Challenge! Wir betraten den Edeka mit meiner Ansage: „Vergiss nicht, verpackungsfreier Januar!“ Mein Mann guckte mich verständnislos an und düste los. Ich versuchte das schlimmste abzuwenden und rannte zum Gemüseregal. Alles war eingepackt in Plastik! Alles Unverpackte musste in Plastiktüten verpackt werden! Ich strich gedanklich den Großteil von der Einkaufsliste und legte einige Strauchtomaten in eine Papiertüte von Rewe, die ich per Zufall in meiner Handtasche hatte. Mein Mann schaute mich fassungslos an. „Frag nicht, ich möchte nichts in Plastik einpacken!“, rief ich und begab mich zur nächsten Abteilung. An der Käse- und Fleischtheke wurde ebenfalls alles in Folie und Papier eingewickelt. Ich rannte mehrfach im Kreis und überlegte, wie ich die verpackten Lebensmittel umgehe könnte. Hörte zwischendurch, wie unsere Tochter ihren Vater damit nervte, dass sie eine „Überraschung“ wollte (welcher grausame Mensch hat bloß die Kinderüberraschungseier erfunden?). Mein Mann verlor die Geduld und kaufte unser Abendessen ein. Als ich zum Einkaufswagen zurückkam, lagen neben meinen Tomaten jede Menge in Plastik verpackte Lebensmittel. Ich sagte entsetzt: „Du zerstörst meine Challenge! Wegen dir verliere ich“. Mein Mann wollte einfach nur bezahlen und nach Hause, was ich bei dem vollen Supermarkt auch gut nachvollziehen konnte.




„Ich werde diese Challenge nie schaffen! Es ist so schwer verpackungsfrei einzukaufen!”




Tag 3: Nicht mein Mann, sondern das System sabotiert meine Challenge

Nach dem besonders erfolglosen ersten Supermarkteinkauf mussten mein Mann und ich am nächsten Tag noch einmal los, weil uns noch alle Grundlebensmittel fehlten. Dieses Mal machten wir uns am Morgen auf dem Weg, ohne unsere Tochter. Vor dem Rewe regte ich mich wahnsinnig auf: „Ich werde diese Challenge nie schaffen! Es ist so schwer verpackungsfrei einzukaufen und du sabotierst das alles noch“. Mein Mann hatte nur eine trockene Berater-Antwort: „Es ist das System, nicht ich“. Ich fühlte mich noch mehr herausgefordert. Im Rewe erneut das gleiche Spiel: Obst und Gemüse in Plastik verpackt (warum werden einzelne Gurken verpackt?). Immerhin konnte ich einzelne Karotten und Äpfel kaufen. Wir brauchten neue Geschirrspültabs und ich grätschte dazwischen, als mein Mann sich zu den Reinigungsmitteln begab. Ich griff nach dem Pulver und schlug vor das mitzunehmen. „Wie umständlich, das wird eine mega Sauerei!“ erhielt ich als Antwort. „Ist dir schon einmal aufgefallen, dass jedes Tab in Folie eingewickelt ist? Weißt du wie viel Plastikmüll wir sparen, wenn wir dieses Pulver verwenden?“ antwortete ich. Er: „Es gibt noch nicht einmal einen Messlöffel.“ Ich sauer: „Brauchst du nicht, du verwendest einfach einen Esslöffel!” Nachdem der ganze Supermarkt unseren lauten Streit mitbekommen hatte, packte mein Mann das Pulver in den Einkaufswagen. Wir fuhren erneut mit einem Einkauf voller Plastikverpackung nach Hause. Ich war frustiert. Mein Mann veranstaltete eine riesige Sauerei, als er das erste Mal das Geschirrspülpulver verwendet, hat den Dreh aber jetzt raus.





l'amour est bleu_mein verpackungsfreier Januar




Ausblick: Ein verpackungsfreier Laden in unserem Kiez

Fleißig verfolgte ich auf Instagram, wie Franzi ihre Challenge meisterte. Zum Bauernhof fuhr und alles unverpackt kaufte und fühlte mich danach noch elender. Da entdeckte ich unter einem Post von Franzi, dass es einen verpackungsfreien Laden in meiner Nähe gab! Ich war Feuer und Flamme!!! Am nächsten Samstagmorgen schlug ich meinem Mann vor ein neues Café im Helmholtzkiez auszuprobieren. Nebenbei ließ ich fallen, dass es dort einen verpackungsfreien Laden geben würde, den ich gerne ausprobieren wollte. Mein Mann schaute mich erstaunt an und sagte: „Dass du dir das Leben immer so schwermachen musst. Aber klar können wir hingehen“. „Der Sache wegen“ ist ein Laden, der alles – von Kosmetik, über Reinigungs- bis hin zu Lebensmittel – unverpackt bzw. umweltfreundlich verpackt anbietet. Als ich im Laden stand, war ich geflasht! Aus unzähligen Behältern konnte man sich alle möglichen Körner, getrocknete Früchte, Nüsse, Reis und Nudeln abfüllen. Nur keine Haferkleie, mein tägliches Frühstück. Die Gemüseauswahl war überschaubar, Kartoffeln und Kürbisse. Reinigungsmittel hatten wir noch genug, aber gut zu wissen, dass wir unsere alten Verpackungen hier auffüllen konnten. Ich wollte den Laden nicht ohne Beute verlassen und nahm mir den Kürbis. Mein Mann guckte mich fassungslos an und fragte: „Wieso ausgerechnet den Kürbis?“ „Weil ich etwas kaufen möchte! Kartoffeln habe ich gestern schon gekauft“, antwortete ich. Der Kürbis kam wieder zurück. Immerhin gab es für unsere Tochter eine Bambuszahnbürste, wie die von Papa. Die hatte sich mein Mann sogar selbst gekauft. Ich nahm nur wegen des Einkaufserlebnisses ein Kilo Kartoffeln mit. 





l'amour est bleu_mein verpackungsfreier Januar





l'amour est bleu_mein verpackungsfreier Januar



l'amour est bleu_mein verpackungsfreier Januar





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Fazit

Mir war von vornherein klar, dass diese Challenge nicht zu gewinnen war. Aber ich wollte sie mit Sternchen meistern, was mich frustrierte. Der Januar ist jetzt fast zu Ende und ich kann ein positives Fazit ziehen: Wir haben unseren Lebensstil positiv geändert. Kaufen bewusster ein (notfalls auch in mehreren Geschäften) und weniger auf Vorrat. Suchen nach verpackungsfreien Lebensmitteln oder umweltfreundlicheren Verpackungsalternativen. Bevor wir neue Lebensmittel kaufen, versuche ich vorhandene aufzubrauchen – wir haben in diesem Monat sehr viel weniger Obst und Gemüse wegwerfen müssen. Trotz großem Aufstand, habe ich den Bio-Müll eingeführt. Habe für meine alltäglichen Gebrauchsgegenstände zero waste-Alternativen gesucht (demnächst werde ich mir aus meinen Bio-Stoffresten Wattepads machen). Wir sind noch weit davon entfernt verpackungsfrei zu leben, aber wir leben jetzt definitiv bewusster und fühlen uns gut dabei. Mein Mann hat sich mehr oder weniger mit unserem nachhaltigeren Lebensstil angefreundet.



Was brauche ich als Unternehmerin?

Nachdem es einige Wochen still um mich geworden ist, melde ich mich endlich wieder zurück! Leider war ich nicht im wohlverdienten Sommerurlaub, sondern war mit der Erstellung meines Onlineshops beschäftigt. Dieses Projekt kostete mich so viel Kraft und Zeit, dass der Blog ruhen musste. Aber nun ist es geschafft! Der Shop ist online!





Nun kehre ich mit einem neuen Projekt zurück: Ich werde Dir in einer Reihe von Beiträgen erzählen, wie ich ein nachhaltiges Modelabel gegründet habe. In diesem Beitrag befasse ich mich mit einer Frage, die ich sehr oft gestellt bekomme:

„Was brauche ich als Unternehmerin?“

Viele finden es unglaublich mutig, dass ich mich mit der Gründung eines nachhaltigen Modelabels ins große Haifischbecken gewagt habe. Komischerweise empfinde ich meinen Schritt als gar nicht so mutig wie die Menschen um mich herum. Das verwundert sie umso mehr. Ich werde dann mit allen möglichen Fragen durchlöchert: „Hattest du gar keine Angst? Wie bist du das angegangen? Kannst du mir sagen, was mich davon abhält, mich selbständig zu machen?” 

Die ersten beiden Fragen kann ich mühelos beantworten. Doch bei der dritten Frage gerate ich tatsächlich ins Stocken. Mal abgesehen davon, dass ich keine Psychologin bin, wusste ich wirklich nicht, was andere Menschen davon abhält, sich in die Selbständigkeit zu wagen. Doch als ich meinen beruflichen Werdegang und alle damit verknüpften Entscheidungen Revue passieren ließ, fiel mir die Antwort wie Schuppen von den Augen.



DRIVE

Für mich persönlich gibt es darauf nur eine Antwort: DRIVE. Damit meine ich nicht den Film mit Ryan Gosling (kleiner Scherz zum Totlachen am Rande!). Ich meine den Motor in Dir, der Dich vorantreibt und alle Hindernisse überwinden lässt. Mein Drive ist mein Traum vom eigenen Modelabel. Dieser Wunsch hat mir viele Entscheidungen in meinem Leben erleichtert. Dabei muss es nicht zwangsläufig ein konkreter Berufswunsch sein, der Dich im Leben vorantreibt. Es ist viel wichtiger in sich zu horchen und sich zu fragen: „Wer bin ich und was erwarte ich vom Leben?“. In meiner Jugend habe ich mich intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Je älter ich wurde, desto weniger Zeit hatte ich zu reflektieren. Wir sollten uns öfters dazu zwingen, in unserem Hamsterrad kurz anzuhalten und uns zu fragen: „Laufe ich noch in die richtige Richtung?“.



Der Traum vom eigenen Modelabel

Für mich ist Berufung ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich möchte in meinem Leben einen Beruf ausüben, der mir Spaß macht und mich erfüllt. Das Ziel, mein Modelabel zu gründen, spielte eine entscheidende Rolle bei allen beruflichen Entscheidungen in meinem Leben. Nach meinem Abitur bewarb ich mich an mehreren Hochschulen für ein Modedesignstudium. Mir war dabei von vornherein klar, dass ich mir kein teures Privatstudium finanzieren wollte. Dadurch hatte ich den Druck, an der staatlichen Hochschule die Eignungsprüfung bestehen zu müssen. Bei der Mappenberatung an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg erlebte ich den ersten Rückschlag in meinem Leben. Von Kind auf liebte ich das Zeichnen und habe während der gesamten Schulzeit nur Bestnoten im Schulfach Kunst erzielt. Dann sagte mir der Student in der Mappenberatung vor allen anderen Bewerbern, dass ich nicht zeichnen könnte! Er riet mir tatsächlich einen Kurs zu belegen!

Meine Welt brach zusammen. Ich verlor jeglichen Halt unter meinen Füßen. „Habe ich mir mein Talent mein ganzes Leben lang eingebildet?“, schoss es durch meinen Kopf.



Sich nicht unterkriegen lassen

Ich belegte keinen Kurs. Aber ich gab mich auch nicht geschlagen. Es waren sechs Monate bis zur Prüfung und in der Zeit zeichnete ich, was das Zeug hielt (neben meinem Aushilfsjob als Verkäuferin bei Peek & Cloppenburg). Ich zeichnete und malte Portraits, Akte und Stillleben. In den sechs Monaten schaffte ich eine komplett neue Bewerbungsmappe im Stil der alten Schule – und bestand die Prüfung. Die Mappe erzielte zwar nur die Mindestnote ausreichend, aber sie brachte mich in die Eignungsprüfung. Diese bestand ich mit Bravour!

Wenn Du mich jetzt fragst, was mich damals trotz des vernichtenden Urteils angetrieben hatte, sage ich Dir erneut: Es war der innere Drive. Oder in anderen Worten ausgedrückt, das Vertrauen in meine Fähigkeiten. Ich glaube daran, dass Du alles in Deinem Leben erreichen kannst. Du musst es nur wirklich wollen.



Vertrauen in die eigenen Entscheidungen

Vor über 40 Jahren verließ meine Familie Vietnam, um sich ein Leben in Frieden zu ermöglichen. Sie ließ alles zurück, was sie sich bis dahin erarbeitet hatte: Ländereien, Häuser, Vermögen, Familie und Freunde – das alles, um ein freies Leben in Sicherheit zu führen. Unsere Generation ist so sicher aufgewachsen, dass viele von uns sich gar nicht vorstellen können, dass sich Menschen für ein Leben in Frieden in Lebensgefahr begeben. Viele von uns nehmen unser freies Leben als selbstverständlich hin. Es ist für sie unerklärlich, dass Menschen alles aufgeben, um ein Leben in Freiheit zu führen.

Dieses innere Vertrauen, das man braucht, um sich in ein Boot Richtung Freiheit zu setzen – dieses Vertrauen hat meine Familie mir mitgegeben.

Es gab noch unzählige Momente, in denen ich an mir und meinen Fähigkeiten zweifelte. Doch mein Traum gab mir immer den nötigen Drive, um alle Hürden zu überwinden. Drive ist sicherlich nur eine von vielen Faktoren, die eine Unternehmerin mitbringen sollte. Für mich ist es bisher die wichtigste gewesen.


Fotos: Nancy Jesse, Lindsay Henwood, So Flow, Nic Macmillan