Monatlicher Archiv: Juli 2017

Nachhaltigkeit made in Berlin

Findest Du es auch so spannend wie ich, neue Menschen kennen zu lernen?

Mich faszinieren die Geschichten, die jeder Mensch mit sich bringt. Woher kommt er und woran glaubt er? Wie ist er dorthin gekommen, wo er heute ist?  Beim Aufbau meines nachhaltigen Modelabels hatte ich das Glück, viele neue Bekanntschaften zu machen.

2009 haben Benjamin Itter, Enrico Rima und Christoph Malkowski das Unternehmen Lebenskleidung in Berlin gegründet und bieten seitdem modische nachhaltige Stoffe an. Stoffe, die so schön und qualitativ hochwertig sind, dass ich sie für meine ersten beiden Kollektionen verwenden musste. Vor einigen Wochen besuchte ich die drei Jungs in ihrem Büro in Kreuzberg, um mir von Enrico die Story hinter Lebenskleidung erzählen zu lassen:

Warum habt ihr euch für den Handel mit nachhaltigen Stoffen entschieden?

Keiner von uns hatte zuvor die Idee sich selbständig zu machen. Es fing damit an, dass Benjamin und ich 1 1/2 Jahre in Indien studiert haben. Durch mein Studium der Umweltwissenschaften war ich schon ein Öki, bevor ich nach Indien gegangen bin. Ich hatte mich bereits in Deutschland für Ernährung und ökologische sowie regionale Themen interessiert. Kleidung hatte ich damals aber noch nicht im Sinn.

Und wie seid ihr dann zu nachhaltigen Stoffen gekommen?

In Indien erfuhr ich, dass sich durchschnittlich 12.000 Baumwollbauern im Jahr das Leben nehmen. Das Problem sind die Gifte, die beim Baumwollanbau zum Einsatz kommen. Bei meinen Recherchen stieß ich auch auf Sumangali. In Indien leiden viele Familien unter der hohen Mitgift, die sie bei der Vermählung ihrer Töchter zahlen müssen. Das nutzen die Textil-Industriebosse aus und bieten den Familien einen Arbeitsplatz für ihre Tochter in ihren Baumwollfabriken an. Für z.B. drei Jahre Arbeit kann sich die Tochter die Mitgift und ein zusätzliches Gehalt erarbeiten. Letztendlich werden die jungen Mädchen in solchen Fabriken wie Leibeigene behandelt. So findest du entlang der gesamten Herstellungskette beim Färben, bei der Konfektion, usw. Missstände, die mir während meines Indienaufenthalts förmlich vor die Füße gefallen sind.

Letztendlich war der Trigger ein Zeitungsartikel über das Färben von Bio-Stoffen mit ayurvedischen Kräutern, um Krankheiten durch das Tragen der Stoffe zu heilen. Da kamen wir das erste Mal auf die Idee, dass man auch coole Projekte mit ökologischem und sozialen Anspruch umsetzen kann. Wir stellten Bettwäsche aus ayurvedisch gefärbten Stoffen her und Lebenskleidung war geboren. Leider haben wir nicht bedacht, dass die ayurvedische Bettwäsche nur bei 30 Grad gewaschen werden durfte, was sich in Deutschland als großes Problem erwies. Irgendwann bekamen wir das Feedback, dass die Auswahl an nachhaltigen Stoffen für die Modebranche zu klein wäre. So entstand die nächste Stufe unseres Business: Wir verkauften unsere ersten Stoffe mit Hilfe von Sammelbestellungen auf unserer Webseite. Mittlerweile bringen wir unsere eigenen Stoffkollektionen auf den Markt, die wir immer im Lager verfügbar haben.

Sumangali (mehr Infos auf der Seite von terre des hommes)

Wie habt ihr eure Stoffproduzenten gefunden?

Unseren türkischen Produzenten, mit dem wir seit 2007 zusammenarbeiten, haben wir ganz klassisch im Internet gefunden. Der Rest kommt dann übers Empfehlungsmanagement. Unser Produzent aus Portugal ist schon seit 25 Jahren in der Textilindustrie tätig und seit acht Jahren ist sein Unternehmen GOTS-zertifiziert. Heutzutage kann man über die GOTS-Datenbank ganz einfach zertifizierte Textillieferanten finden. Doch diese Beziehungen Stück für Stück vernünftig aufzubauen, ist dann erst die wirkliche Herausforderung. Vor allem, wenn man wie wir sehr hohe Ansprüche an die Stoffqualität hat.

Was für eine Beziehung pflegt ihr zu euren Stoffproduzenten?

Mit unseren zwei Hauptproduzenten in der Türkei und Portugal haben wir ein sehr enges Verhältnis. Es ist wie im Leben, man möchte mit Leuten zusammen arbeiten, mit denen es auch Spaß macht. Ich besuche unsere Produzenten regelmäßig vor Ort, was letztes Jahr mit den Unruhen in der Türkei etwas problematisch war. Schließlich bin ich dann doch geflogen, um meine Loyalität zum Ausdruck zu bringen. Schließlich kann mein Produzent ja nichts für die Politik seines Landes.

Welche Zukunftspläne habt ihr für euer Unternehmen?

Meine Vision ist es, nicht größer zu werden. Unsere Unternehmung soll nicht wachstumsgetrieben sein. Langfristig möchte ich mich mehr aus der operativen Arbeit zurücknehmen und entspannter arbeiten, um eventuelle neue Geschäftsideen in Ruhe durchdenken und ausarbeiten zu können. Ich bin ein Anhänger des 6 Std. Arbeitstages. Im Grunde wünsche ich mir einfach nur, dass wir in einem zufriedenen Team zusammenarbeiten. That’s it. Obwohl, ich wollte schon immer ein eigenes Organic Cotton Projekt aufziehen. Näher an den Leuten sein, die die Produkte für uns herstellen. Das würde mir Spaß machen.

Foto: Ann-Christin Schmitt, Christel Kovermann

Nachhaltige Stoffe aus Machynlleth

Während meiner Suche nach nachhaltigen Stofflieferanten bin ich auf Phil Wheeler von der Organic Textile Company mit Sitz in Machynlleth/Wales gestoßen. Sein Onlineshop hat mich gleich mit seiner persönlichen Art und der Liebe fürs Detail angesprochen. Zudem legt Phil genauso wie ich großen Wert auf eine transparente Lieferkette, so dass ich mir sicher war, dass unsere Zusammenarbeit gut funktionieren würde.

“We run Organic Textile Company for fun (okay  – not every minute of every day) We do it to rub the itch. To ease that  creative spot you can never quite scratch even with a loofa, to provide employment and a more personal satisfying way of trading”. (Phil Weeler)

Bereits vor 14 Jahren ging Phil nach Indien und traf dort Genesh, einen Baumwoll- und Stoffproduzenten und heute sein engster Geschäftspartner. Die Baumwollstoffe sind GOTS-zertifiziert und werden mit höchster Handwerkskunst ohne jegliche Maschinen hergestellt. Mit der Zeit erweiterte Phil sein Lieferantennetzwerk und vertreibt heute neben Baumwollstoffen auch Bambusstoffe aus China. Diese bezieht er von Liahren, den größten nachhaltigen Stoffhersteller aus China.

Phil hat sich vor Jahren in Rente begeben und das Unternehmen wird heute von seiner Tochter Nancy mit Unterstützung von Dex geführt. Nichtsdestotrotz antwortet mir Phil manchmal auch auf meine Mails oder vertritt sein Unternehmen auf Stoffmessen.

Dex war so nett mir einige Fragen zu beantworten, damit Du Dir ein besseres Bild von Phil und der Organic Cotton Company machen kannst.



Warum habt Ihr euch dafür entschieden, nachhaltige Stoffe zu verkaufen?

Wir verkaufen nachhaltige Stoffe, um Bauern und Produzenten bei jedem Schritt der Stoffproduktion eine sichere Arbeitsumgebung und faire Arbeitslöhne zu gewährleisten. Konventioneller Baumwollanbau verursacht durch den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden viel Schaden bei den Baumwollbauern und der Umwelt. Tausende sterben jedes Jahr. Lohnt sich das wirklich für ein neues T-Shirt? Wir denken nicht, also lasst uns das ändern.

Woher kommen eure Lieferanten?

Die meisten unserer Lieferanten kommen aus Indien und der Türkei. Zusätzlich haben wir noch welche aus China und Großbritannien.

Wie habt Ihr eure Lieferanten gefunden und wie ist eure Zusammenarbeit mit ihnen?

2003 ging Phil nach Indien, um mehr über ökologische Landwirtschaft zu erfahren und ein Handelsabkommen mit Genesh, unserem engsten Geschäftspartner und Lieferanten zu vereinbaren. Unsere anderen Lieferanten haben wir im Laufe der Zeit durch Handelsverbindungen gefunden. Wir pflegen eine enge und warme Beziehung zu allen unseren Lieferanten.

Wie lange arbeitet ihr schon mit Liahren zusammen und wie ist eure Beziehung zu diesem Lieferanten?

Wir arbeiten schon seit über drei Jahren mit Liahren zusammen und beziehen die meisten unserer Bambus Viskosestoffe von ihm. Wir sind mit seinen Produkten und seinem Service zufrieden und hoffen die Zusammenarbeit lange fortzuführen.

Welche Zukunftspläne habt ihr für euer Unternehmen?

Keine großen Zukunftspläne als weiterhin schöne Stoffe an unsere lieben Kunden zu verkaufen und unser Bestes zu geben, um ehrliche und faire Handelsbeziehungen zu führen.


Ich bin froh, mit Phil gemeinsam einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Mehr über die Organic Cotton Company und Phil erfährst Du hier.


Foto: Organic Textile Company, Jazmin Quaynor

Wie entwerfe ich moderne nachhaltige Mode?

Kennst Du das beklemmende Gefühl vor einem leeren Blatt Papier oder Dokument zu sitzen und auf Knopfdruck etwas produzieren zu müssen?

Ich denke, dass sich nicht nur Kreative in dieser Situation wiederfinden. Auch in meinem alten Job im Marketing saß ich oftmals vor einer leeren Powerpoint-Folie und wusste nicht, wie ich anfangen sollte. Beim Entwerfen der ersten nachhaltigen Damenkollektion für l’amour est bleu, fand ich mich tatsächlich mehrere Male in dieser Situation wieder. Und nicht nur im Design, sondern auch in vielen anderen Bereichen meines Unternehmens, hatte ich mehrmals das Gefühl vor einem leeren Blatt Papier zu stehen.

Anfang August wird die erste Kollektion von l’amour est bleu online gehen. Ich bin unsagbar froh, dies verbindlich schreiben und sagen zu können. Vom Gründerehrgeiz beflügelt war der Online-Launch bereits für März dieses Jahres geplant, doch die Realität sollte mich eines Besseren belehren. Wie ich im letzten Beitrag schon schrieb, wollte ich mich innerhalb des letzten Jahres schon mehrmals von der nachhaltigen Mode verabschieden. Zu Beginn meines Vorhabens war mir tatsächlich nicht bewusst, wie komplex die Realisierung einer modernen nachhaltigen Damenkollektion sein kann. Ganz zu schweigen von einer Produktion in Deutschland! Wahrscheinlich braucht man diese Art von Naivität, damit solche Ideen überhaupt geboren werden!

Die Idee vom modernen nachhaltigen Kleiderschrank

Als ich mit dem Entwerfen der ersten Kollektion für l’amour est bleu begann, kam mir die Idee eines Kleiderschranks: Kleidungsstücke, die auf die Bedürfnisse einer Frau im modernen Alltag abgestimmt sind. Diese werden in einzelne Kollektionen aufgeteilt, so dass jede Frau die passenden Kleidungsstücke für sich aussuchen kann. So kann sie nach und nach ihren modernen nachhaltigen Kleiderschrank aufbauen. Mir ist es wichtig mit meiner Mode verschiedene Stilrichtungen zu repräsentieren. In unserem Alltag finden wir uns in den unterschiedlichsten Situationen wieder, in denen uns nach einem bestimmten Outfit zumute ist. Es gibt Tage, an denen ich ein bequemes T-Shirt mit einer Jeans tragen möchte. Zu wichtigen Geschäftsterminen trage ich mein Powerdress, um meine Interessen durchzusetzen. Die Geburtstagsparty meiner Freundin würdige ich mit einem schicken Freizeitoutfit. Bei den vielfältigen Stilmöglichkeiten von heute, möchte ich meine Kundinnen und mich nicht nur auf eine Stilrichtung festlegen. Die Klammer bildet meine konstante Designhandschrift: Mit einem Mix aus Traditionen und Trends, schaffe ich etwas Neues und gebe jedem Kleidungsstück seine eigene Geschichte.

Die einzelnen Modelle für die erste Kollektion hatte ich schon lange im Kopf: Ein einfaches gemustertes Kleid, das schnell übergeworfen werden kann. Ein Layering-Kleid oder auch 2-in-1 genannt. Ich weiß, dass sich Letzteres furchtbar unsexy anhört. Da schießen Einem gleich langweilige Strickpullover mit eingenähtem Blusenkragen in den Kopf. Doch wer es so wie ich liebt, Längen und Muster verschiedener Kleidungsstücke zu kombinieren, für den sind gut designte Layering-Kleidungsstücke eine super Erfindung. Eine neu interpretierte klassische Bluse, die mit einem femininen Rock perfekt für’s Büro oder mit einer Jeans das ideale Ausgeh-Outfit ist.

Aus einer Zeichnung entsteht ein Kleid

Ein wichtiger Teil in der Umsetzungsphase ist das Prüfen der Designs auf Relevanz. Für mich gibt es nichts Unbefriedigenderes als Mode zu entwerfen, die niemand tragen möchte. Hierfür checke ich Google Trends, schaue mir Laufstegschauen an, scanne Wettbewerber und die sozialen Medien ab…letztendlich prüfe ich auf vielfältige Weise, ob meine Designs Sinn ergeben. Passen die Designs in einen aktuellen oder kommenden Trend? Oder entwerfe ich gerade das 1000. weiße T-Shirt?

Die Designs standen fest und nun ging es an die Umsetzung. Auf der Suche nach den passenden Stoffen, klapperte ich unzählige nachhaltige Stofflieferanten ab. Da wir am Anfang in kleinen Stückzahlen produzieren, bediene ich mich aus aktuell verfügbaren Stoffen. Viele Produzenten werfen nämlich erst ab einer Stoffbestellung von 500 bis 1000 Metern ihre Maschinen für Dich an. Das Angebot auf dem nachhaltigen Textilmarkt war sehr ernüchternd: Unendlich viele Kindermotive, Streifen und Sterne. Die Materialauswahl war ebenfalls übersichtlich: Baumwolle in allen Varianten. Manchmal etwas Leinen und Hanf. Nahezu unbezahlbare Bio-Seide. Aber ein Kleid lebt nicht nur vom Design, sondern auch vom Stoff.

Meine nächste Mission bestand darin, modische nachhaltige Stoffe ausfindig zu machen. Auf Messen in München und London sammelte ich unzählige Lieferantenadressen. Mit Hilfe von Google entwickelte ich mich zum Recherche-Weltmeister. Per E-Mail wurden die Stofflieferanten mit Fragen gelöchert: Wie sind die Stoffe zertifiziert? Wo kommen die Materialien her? Kennt ihr alle Produzenten innerhalb der Lieferkette? Wie gewährleistet ihr umweltschonende und faire Arbeitsbedingungen in der Herstellung der Stoffe? Dann ging die Recherche weiter, ich prüfte die Produzenten und suchte nach Negativschlagzeilen. Mir ist bewusst, dass ich bei nicht GOTS-zertifizierten Stoffen nicht gewährleisten kann, dass alle Schritte in der Stoffherstellung nach GOTS-Standard nachhaltig sind. Was ich gewährleisten kann ist, dass ich die Lieferkette bei allen verwendeten Stoffen geprüft habe. Zudem vertraue ich auch auf meine Stofflieferanten. Wenn sie mir versichern ihre Produzenten regelmäßig zu besuchen und auf nachhaltige Arbeitsmethoden zu prüfen, glaube ich ihnen. Ein nachhaltiges Business kann nicht nur auf Kontrolle basieren, sondern muss auch auf Vertrauen aufbauen.

Meine ersten Entwürfe habe ich mehrfach überarbeitet, um die beste Lösung für eine moderne nachhaltige Damenkollektion zu bekommen. Wenn ich nun die erste Kollektion sehe und fühle, bin ich zufrieden. Um das Streifenmuster bin ich nicht herumgekommen. Aber mit Coco Chanel als Erfinderin, sind Streifen durchaus ein Fashion Statement! Die Farbgebung ist monochrom in schwarz-weiß-grau gehalten. In meinen Augen eine gute Farbgebung für eine modische Basic-Kollektion als Grundlage für den Kleiderschrank. Im Gegensatz zur einfachen Farbgebung sind die Stoffe umso vielfältiger: Baumwoll-Jersey und -Sweat sowie Bambusseide und -Jersey. Die Stoffe sehen wunderschön aus und fühlen sich toll an. Du kannst gespannt sein!

Fotos: Nancy Jesse, Priscilla du Perez, Jazmin Quaynor

Vom Spielzeugladen zum Modelabel

Weißt Du noch, was Du als Kind werden wolltest?

Während meine Freundinnen Tierärztinnen oder Lehrerinnen werden wollten, hatte ich zwei ganz andere Traumberufe: Spielzeugladenbesitzerin und Bürgermeisterin von Hamburg. Der erste Beruf war eher eigennütziger Art – ich hatte die geniale Idee, alle Spielsachen vor dem Verkauf ausgiebig auszutesten, um nur die besten Spielsachen zu verkaufen! Was mich bei der Bürgermeisterin ritt, das weiß ich bis heute nicht.

Das Schicksal hat für mich allerdings einen anderen Beruf vorgesehen – heute bin ich Geschäftsführerin meines eigenen Modelabels l’amour est bleu. Rückblickend sind meine ersten beruflichen Ambitionen von meiner jetzigen Berufung gar nicht so weit entfernt…

Mit Kleidern Geschichten erzählen

Meine ersteren Traumberufe habe ich an den Nagel gehängt, nachdem ich meine Leidenschaft für das Zeichnen entdeckt habe. Mein Vater ist ein begnadeter Zeichner und konnte mit einer Leichtigkeit alle meine Wünsche zu Papier bringen. Ich war fasziniert von seiner Gabe und wünschte mir, auch so gut zeichnen zu können. Ich verbrachte Stunden mit dem Zeichnen von Menschen, zu denen ich mir Geschichten im Kopf ausmalte. Irgendwann kommt man in ein Alter, in dem Erwachsene von Dir erwarten, konkrete Berufswünsche zu äußern. Für mich war klar: Ich werde Modedesignerin! Menschen einkleiden ist für mich wie Geschichten erzählen. Wenn ich ein Kleid entwerfe, entsteht in meinem Kopf gleichzeitig eine Geschichte über die Person. Was für ein Mensch ist sie und was erlebt sie mit diesem Kleidungsstück? Manchmal inspirieren mich auch Menschen zu neuen Designs oder mein Wunsch für einen bestimmten Anlass ein besonderes Kleid tragen zu wollen gibt mir neue Ideen. Mensch, Kleid und Geschichte gehören für mich unmittelbar zusammen.

Was für Mode möchte ich entwerfen?

Meine Vorstellung eines Modelabels hatte am Anfang nicht im Geringsten mit Nachhaltigkeit zu tun.                                    

Letztes Jahr brachen meine Familie und ich unsere Zelte im schönen Hamburg ab und suchten ein neues Zuhause in Berlin. Dies fühlte sich für mich nach dem richtigen Zeitpunkt an, um meinen lang gehegten Traum in Angriff zu nehmen. Endlich hatte ich die Ruhe und Zeit mir darüber Gedanken zu machen, welche Art von Mode ich entwerfen möchte. Welche Werte soll sie widerspiegeln? Was für ein Unternehmen möchte ich gründen? Als ich meine letzten 10 Jahre in der Modebranche Revue passieren ließ, wurde mir bewusst, dass ich vieles anders machen wollte. Ich konnte für die Mode nicht mehr die Leidenschaft aufbringen, die ich damals empfand. Dazu trugen die schlimmen Ereignisse in den Produktionsländern und all die Wahrheiten, die danach ans Licht kamen, bei. Im Gegensatz dazu entwickelte sich die Modewelt immer mehr zu einem oberflächlichen Zirkus, in dem Menschen Mode nicht mehr als Ausdruck ihrer Persönlichkeit nutzen, sondern sich nur noch gedankenlos inszenieren. Mir fehlte die Leidenschaft, die ich damals im Studium beim Entwerfen und Herstellen eines Kleides empfand oder die ich auch heute noch spüre, wenn ich ein anspruchsvoll designtes Kleid in der Hand halte. Ich habe mich oftmals gefragt, ob ich noch Teil dieser Modewelt sein wollte.

Trotz der vielen Zweifel konnte ich mir einfach nicht vorstellen einem anderen Beruf nachzugehen. Dafür ist meine Leidenschaft für Mode einfach zu groß! Also entschied ich mich Mode zu schaffen, mit der ich mich wieder identifizieren konnte. Mode sollte wieder ihren hohen Stellenwert erhalten und nicht nur „die zweitgrößte umweltschädigende Industrie der Welt“ sein. Mode sollte wieder etwas Besonderes für die Menschen sein. Mir wurde bewusst, dass Nachhaltigkeit ein unabdingbarer Wert für mein Modelabel werden musste. Wie soll man sich in ein Kleid verlieben, wenn man sich nicht sicher sein kann, ob daran nicht das Leid anderer Menschen und der Umwelt hängt? Ich möchte ein Kleid mit gutem Gewissen tragen und lieben und auch anderen Menschen diese Möglichkeit geben.

Was bedeutet Nachhaltigkeit bei l’amour est bleu?

Bei meiner Recherche zum Thema Nachhaltigkeit in der Modeindustrie, stieß ich auf viele unterschiedliche Definitionen und Umsetzungen. Mir wurde klar, dass ich für meine Mode eigene Nachhaltigkeitsziele setzen musste. Mir ist es wichtig, dass die Mode von l’amour est bleu von der Faser bis zum fertigen Kleidungsstück unter fairen Arbeitsbedingungen und umweltschonend hergestellt wird. Für die Mode verwende ich zertifizierte nachhaltige Stoffe und sie wird lokal in Deutschland produziert. Wir unterstützen einen der letzten Schneidereibetriebe aus dem Erzgebirge, wo der historische Ursprung der deutschen Textilindustrie liegt.

Ein Modeunternehmen besteht allerdings aus viel mehr als die reine Produktion der Bekleidung. Zu gerne würde ich behaupten können, dass das gesamte Unternehmen l’amour est bleu nachhaltig ist. Diese Entwicklung wird erst nach und nach kommen können. Genauso wie in meinem Privatleben auch. Mein Kleiderschrank ist in keiner Weise zu 100% nachhaltig und genauso wenig kann ich von mir behaupten, dass mein Lifestyle einen Preis für Nachhaltigkeit gewinnen könnte. Aber meine Familie und ich arbeiten darauf hin, genauso wie mein Unternehmen auch.

Mode und Nachhaltigkeit – eine große Herausforderung

Innerhalb des letzten Jahres gab es viele Momente, in denen ich mich von der Nachhaltigkeit verabschieden wollte. Genau genommen, hatte ich erst vor zwei Wochen wieder diesen Gedanken! Jede neue Kollektion ist für mich eine neue modische Herausforderung: Es fängt bei den nachhaltigen Materialien an, geht beim zeitlosen Design weiter und endet bei den relativ hohen Produktionskosten in Deutschland. Ich habe oft das Gefühl in meiner Kreativität ausgebremst zu werden, weil ich so viele Rahmenbedingungen einhalten muss.

Letzte Woche fand endlich das Fotoshooting für die erste Kollektion statt. Als das Model das erste Outfit anprobierte, geschah etwas Wunderbares: Ich verliebte mich in meine selbst entworfenen Kleider! Das Team war begeistert davon, wie toll die Kleider an ihr aussahen. Dieser Moment ließ die ganzen Zweifel und Versagensängste der letzten Monate wieder schwinden. Ich wusste, dass ich mich für den richtigen Weg entschieden habe.

Rückblickend auf meine ersten beruflichen Ambitionen wird mir bewusst, dass mein heutiger Beruf gar nicht so weit davon entfernt ist. So wie die Beweggründe zur Spielzeugladenbesitzerin mein Bedürfnis nach Spielsachen stillen sollte, schaffe ich heute Kleider, um meine Leidenschaft für Mode zu stillen. Diese Leidenschaft möchte ich auch mit anderen Menschen teilen. Denn für mich sollten so viele Menschen wie möglich die Möglichkeit haben, sich mit gutem Gewissen modisch zu kleiden. Über den Traumberuf der Bürgermeisterin muss ich allerdings immer noch lachen! Vielleicht hatte ich damals als Kind schon den Wunsch, etwas für die Menschen tun zu wollen und die Welt zu verändern. Das möchte ich auch heute noch. Oder ich wollte einfach nur wichtig sein…dafür ist die Bürgermeisterin von Hamburg wiederum eine sehr bescheidene Wahl!

Mit diesem Blog möchte ich Dir die Geschichte vom Modelabel l’amour est bleu erzählen. Jede Woche veröffentliche ich hier ein neues Kapitel über meine Abenteuer als Unternehmerin und nachhaltige Modedesignerin. Ich freue mich, wenn Du mitliest und mit mir Deine Gedanken, Ideen und Anregungen teilst.

Fotos: Nancy Jesse