Monatlicher Archiv: August 2017

Was brauche ich als Unternehmerin?

Nachdem es einige Wochen still um mich geworden ist, melde ich mich endlich wieder zurück! Leider war ich nicht im wohlverdienten Sommerurlaub, sondern war mit der Erstellung meines Onlineshops beschäftigt. Dieses Projekt kostete mich so viel Kraft und Zeit, dass der Blog ruhen musste. Aber nun ist es geschafft! Der Shop ist online!

Nun kehre ich mit einem neuen Projekt zurück: Ich werde Dir in einer Reihe von Beiträgen erzählen, wie ich ein nachhaltiges Modelabel gegründet habe. In diesem Beitrag befasse ich mich mit einer Frage, die ich sehr oft gestellt bekomme:

„Was brauche ich als Unternehmerin?“

Viele finden es unglaublich mutig, dass ich mich mit der Gründung eines nachhaltigen Modelabels ins große Haifischbecken gewagt habe. Komischerweise empfinde ich meinen Schritt als gar nicht so mutig wie die Menschen um mich herum. Das verwundert sie umso mehr. Ich werde dann mit allen möglichen Fragen durchlöchert: „Hattest du gar keine Angst? Wie bist du das angegangen? Kannst du mir sagen, was mich davon abhält, mich selbständig zu machen?” 

Die ersten beiden Fragen kann ich mühelos beantworten. Doch bei der dritten Frage gerate ich tatsächlich ins Stocken. Mal abgesehen davon, dass ich keine Psychologin bin, wusste ich wirklich nicht, was andere Menschen davon abhält, sich in die Selbständigkeit zu wagen. Doch als ich meinen beruflichen Werdegang und alle damit verknüpften Entscheidungen Revue passieren ließ, fiel mir die Antwort wie Schuppen von den Augen.

DRIVE

Für mich persönlich gibt es darauf nur eine Antwort: DRIVE. Damit meine ich nicht den Film mit Ryan Gosling (kleiner Scherz zum Totlachen am Rande!). Ich meine den Motor in Dir, der Dich vorantreibt und alle Hindernisse überwinden lässt. Mein Drive ist mein Traum vom eigenen Modelabel. Dieser Wunsch hat mir viele Entscheidungen in meinem Leben erleichtert. Dabei muss es nicht zwangsläufig ein konkreter Berufswunsch sein, der Dich im Leben vorantreibt. Es ist viel wichtiger in sich zu horchen und sich zu fragen: „Wer bin ich und was erwarte ich vom Leben?“. In meiner Jugend habe ich mich intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Je älter ich wurde, desto weniger Zeit hatte ich zu reflektieren. Wir sollten uns öfters dazu zwingen, in unserem Hamsterrad kurz anzuhalten und uns zu fragen: „Laufe ich noch in die richtige Richtung?“.

Der Traum vom eigenen Modelabel

Für mich ist Berufung ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich möchte in meinem Leben einen Beruf ausüben, der mir Spaß macht und mich erfüllt. Das Ziel, mein Modelabel zu gründen, spielte eine entscheidende Rolle bei allen beruflichen Entscheidungen in meinem Leben. Nach meinem Abitur bewarb ich mich an mehreren Hochschulen für ein Modedesignstudium. Mir war dabei von vornherein klar, dass ich mir kein teures Privatstudium finanzieren wollte. Dadurch hatte ich den Druck, an der staatlichen Hochschule die Eignungsprüfung bestehen zu müssen. Bei der Mappenberatung an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg erlebte ich den ersten Rückschlag in meinem Leben. Von Kind auf liebte ich das Zeichnen und habe während der gesamten Schulzeit nur Bestnoten im Schulfach Kunst erzielt. Dann sagte mir der Student in der Mappenberatung vor allen anderen Bewerbern, dass ich nicht zeichnen könnte! Er riet mir tatsächlich einen Kurs zu belegen!

Meine Welt brach zusammen. Ich verlor jeglichen Halt unter meinen Füßen. „Habe ich mir mein Talent mein ganzes Leben lang eingebildet?“, schoss es durch meinen Kopf.

Sich nicht unterkriegen lassen

Ich belegte keinen Kurs. Aber ich gab mich auch nicht geschlagen. Es waren sechs Monate bis zur Prüfung und in der Zeit zeichnete ich, was das Zeug hielt (neben meinem Aushilfsjob als Verkäuferin bei Peek & Cloppenburg). Ich zeichnete und malte Portraits, Akte und Stillleben. In den sechs Monaten schaffte ich eine komplett neue Bewerbungsmappe im Stil der alten Schule – und bestand die Prüfung. Die Mappe erzielte zwar nur die Mindestnote ausreichend, aber sie brachte mich in die Eignungsprüfung. Diese bestand ich mit Bravour!

Wenn Du mich jetzt fragst, was mich damals trotz des vernichtenden Urteils angetrieben hatte, sage ich Dir erneut: Es war der innere Drive. Oder in anderen Worten ausgedrückt, das Vertrauen in meine Fähigkeiten. Ich glaube daran, dass Du alles in Deinem Leben erreichen kannst. Du musst es nur wirklich wollen.

Vertrauen in die eigenen Entscheidungen

Vor über 40 Jahren verließ meine Familie Vietnam, um sich ein Leben in Frieden zu ermöglichen. Sie ließ alles zurück, was sie sich bis dahin erarbeitet hatte: Ländereien, Häuser, Vermögen, Familie und Freunde – das alles, um ein freies Leben in Sicherheit zu führen. Unsere Generation ist so sicher aufgewachsen, dass viele von uns sich gar nicht vorstellen können, dass sich Menschen für ein Leben in Frieden in Lebensgefahr begeben. Viele von uns nehmen unser freies Leben als selbstverständlich hin. Es ist für sie unerklärlich, dass Menschen alles aufgeben, um ein Leben in Freiheit zu führen.

Dieses innere Vertrauen, das man braucht, um sich in ein Boot Richtung Freiheit zu setzen – dieses Vertrauen hat meine Familie mir mitgegeben.

Es gab noch unzählige Momente, in denen ich an mir und meinen Fähigkeiten zweifelte. Doch mein Traum gab mir immer den nötigen Drive, um alle Hürden zu überwinden. Drive ist sicherlich nur eine von vielen Faktoren, die eine Unternehmerin mitbringen sollte. Für mich ist es bisher die wichtigste gewesen.

Fotos: Nancy Jesse, Lindsay Henwood, So Flow, Nic Macmillan

Digital detox and feminism as inspiration

Weißt Du immer ganz genau, weshalb Du etwas tust? Ich glaube das können die wenigsten von uns, weil wir viele Dinge im Alltag unterbewusst tun. Von Designern wird erwartet, dass sie auf Anhieb etwas über die Inspiration zu ihrer Kollektion erzählen können. Mir fällt das ehrlich gesagt nicht so leicht. 

Wie entsteht die Inspiration zur Kollektion?

Wenn ich mich das erste Mal mit einer neuen Kollektion befasse, geschieht das nicht, weil ich einen Inspirationsblitz habe, der die Designs aus meinem Kopf sprießen lässt. Die Zeichnungen begeben sich auch nicht wie aus Zauberhand auf Papier. Das Entwerfen einer Kollektion erfolgt bei mir tatsächlich über mehrere Designphasen. Es entspricht nicht einem geraden Pfeil mit einem konkreten Anfang und Ende. Es gleicht eher vielen Schleifen mit mehreren Wiederholungen, bis das Ende erreicht wird. Deshalb werde ich beim Entwerfen nicht von einer Inspiration angetrieben, sondern es sind eher viele kleine Inspirationen. Einige sind mir evtl. schon vor langer Zeit über dem Weg gelaufen und bilden mit neuen Entdeckungen im Alltag etwas Neues. Wenn die Kollektion finalisiert ist, versuche ich einen roten Faden durch die ganzen Gedanken ziehen und finde dann tatsächlich einen gemeinsamen Nenner.

l'amour est bleu Bluse Viola
l'amour est bleu Kleid Parisienne aus Bio-Baumwolle
l’amour est bleu Longpullover Sweater aus Bio-Baumwolle

Collection no. 01 MONOCHROME

Die erste Kollektion von l’amour est bleu habe ich MONOCHROME genannt. Es war die Farbgebung in schwarz, weiß und grau, die mir diesen Namen nahelegte. Doch es war auch mein Bedürfnis nach mehr „Eintönigkeit“ in unserer übersättigten Welt. Wir werden täglich mit unendlich vielen Eindrücken und einer viel zu großen Auswahl konfrontiert. Die heutige Digitalisierung erfordert von uns zu jeder Zeit und an jedem Ort verfügbar zu sein. Immer mehr Menschen suchen in dieser reizüberfluteten Welt nach einer Rückzugsmöglichkeit, indem sie z. B. „Digital detox“ betreiben (bedeutet übersetzt: Handy ausschalten).

Collection Story – Feminismus

Die Story für die erste Kollektion bildete das Thema Feminismus. Es ist naheliegend, dass Du jetzt denkst: „Oh nein, bitte nicht schon wieder dieses Feministen-Thema!“ Dieser Begriff ist aktuell in aller Munde und wird kontrovers diskutiert. Dabei ist es kein neues Thema, sondern eine Wiederbelebung der Emanzipation. Während damals die Bezeichnung Emanze eher negativ behaftet war, stehen heutzutage Frauen dazu, Feministinnen zu sein und sogar Männer können Feministen sein!

Vor einiger Zeit wühlte mich ein Artikel über „wahren Feminismus“ in einem englischen Online-Magazin sehr auf. So sehr, dass ich gleich den Titel des Magazins aus meinem Kopf gelöscht habe! Darin wurden Frauen angegriffen, weil sie in den Augen der Autorin keine echten Feministinnen seien. Sich leicht bekleidet vor der Kamera zu zeigen oder offen über Sex zu reden, sei kein wahrer Feminismus. Carrie Bradshaw war eines der vielen nicht-feministischen Beispiele. Sie habe zwar viel zu einem offeneren Umgang mit Sex in der Gesellschaft beigetragen, aber sie würde niemals zur Präsidentin der USA gewählt werden. Wenn Du jetzt auch nach dem Zusammenhang dieser beiden Aussagen suchst, ergeht es Dir genauso wie mir, als ich diesen Absatz gelesen habe. In Anbetracht des heutigen amerikanischen Präsidenten, wäre Carrie Bradshaw ein weitaus kleineres Übel!

Feminismus hat für mich nichts damit zu tun, wie wenig Kleidung eine Frau trägt oder wie weiblich sie sein möchte. Feminismus bedeutet Freiheit für Frauen in jeder Hinsicht – im Beruf, im Alltag, im Lifestyle, etc. Feminismus bedeutet, dass Du als Frau selber entscheiden darfst, was Du tust, woran Du glaubst und was Du anziehst.

Meine Vorbilder für die erste Kollektion waren dabei Viola aus dem Film „Shakespeare in Love“ und Coco Chanel. Violas mutiger Kampf, um sich den Traum der Schauspielerei zu erfüllen, hat mich sehr beeindruckt. Umso mehr hat es mich tief berührt, dass sie sich zum Schluss dem Druck der Gesellschaft beugen musste. Coco Chanel ist für mich die Vorreiterin des Feminismus. Mit dem Jerseykleid (im Englischen Jumper genannt) hat sie die Frauen ihrer Zeit aus dem einengenden Korsett befreit. Sie übertrug das Streifenmuster bretonischer Matrosen auf die Mode und ermöglichte es den Frauen, sich in der Gesellschaft casual zu kleiden. Im Laufe ihres Lebens hat Coco Chanel viele Errungenschaften für die Freiheit der Frauen erzielt.

Es gibt viele Vorbilder für Feministinnen und es sollte zukünftig noch viel mehr geben. Dies sind nur zwei Beispiele für Frauen, die mich zu diesem Thema inspiriert haben. Sicher ist, dass in meinen Augen auch Carrie eine Feministin ist.

Fotos: Nancy Jesse