Täglicher Archiv: made-to-order

Made-to-Order Fashion: The Fashion’s Solution To Overproduction and Waste Issues

Kann Made-to-Order das Abfall- und Überproduktionsproblem der Modeindustrie lösen?

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Mittlerweile steht die Modeindustrie, die für 10 % der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist, unter größerem gesellschaftlichen Druck, ihre Umweltauswirkungen zu reduzieren. Jedes Jahr werden weltweit zwischen 80 und 150 Milliarden Kleidungsstücke produziert – eine Verdoppelung in nur 15 Jahren – und nur 15 % davon werden recycelt oder gespendet. Laut einem Bericht der Ellen MacArthur Foundation aus dem Jahr 2017 wird jede Sekunde die Menge an Kleidung und Textilien eines Müllwagens verbrannt oder auf der Deponie entsorgt. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten dieser Kleidungsstücke aus synthetischen Materialien bestehen, die aus der Öl- und Petroleumproduktion stammen. Im Gegensatz zu natürlichen Materialien wie Baumwolle oder Wolle sind synthetische Fasern nicht biologisch abbaubar, so dass sie über 200 Jahre lang auf der Mülldeponie liegen werden.

Minderwertige und teure Restbestände in der Mode verursachen dem US-Einzelhandel Kosten von bis zu 50 Milliarden Dollar pro Jahr. Obwohl dies ein großer Verlust für die Modemarken darstellt, ist es unwahrscheinlich, dass sich die meisten von ihnen ernsthaft Gedanken über die zusätzlichen Kosten für ein verantwortungsvolles Recycling ihrer Altbestände machen. Aus diesem Grund vernichtete H&M ungetragene Kleidung im Wert von 4,3 Milliarden Dollar und Burberry verbrannte 28 Millionen Pfund an Lagerbeständen, was 2018 von der Presse aufgedeckt wurde. 

Die Pandemie hat auch viele Hürden für die Herstellung und den Versand von Produkten aufgeworfen. Globale Transport-Engpässe haben die Zeit, die ein Produkt braucht, um von der Fabrik zum Kunden zu gelangen, von einigen Wochen auf zweieinhalb Monate verlängert. Durch diese Lieferengpässe waren einige Modemarken gezwungen, ihre Geschäfte zu schließen, wodurch ihre Umsätze zurückgingen und sie Probleme hatten, ihre Lagerbestände abzubauen. 

Die Modebranche befindet sich aufgrund der Globalisierung, der Pandemie und der Beschränkungen in der Lieferkette in einer Krise. Die Marken sind auf der Suche nach alternativen Geschäftsmodellen, die nachhaltiger und effizienter sind sowie weniger Restbestände verursachen.

Made-to-Order Fashion: The Fashion’s Solution To Overproduction and Waste Issues

Photo via Unsplash

Die Modeindustrie im Umbruch

Alternative Geschäftsmodelle gewinnen langsam an Popularität. Einige Modemarken haben Geschäftsmodelle eingeführt, die weniger überschüssiges Material und Lagerbeständen verursacht, wie z. B. durch die Verwendung von Deadstock-Stoffen und Made-to-Order Modellen. Junge Designer und kleine Marken wenden sich vom traditionellen Geschäftsmodell und dem Saisonkalender der Mode ab, um nachhaltiger zu produzieren. Sie vermeiden Überproduktion, indem sie nur das produzieren, was auch verkauft wird, und setzen ihren Schwerpunkt auf eine lokale Produktion.

Made-to-Order” bedeutet, dass die Produktion erst dann beginnt, wenn ein Kunde eine Bestellung aufgibt, anstatt Kleidungsstücke zu produzieren, bei denen nicht sicher ist, dass sie verkauft werden. Dies trägt erheblich dazu bei, dass weniger überschüssige Ware auf Mülldeponien landet. 

Es geht darum, zu dem zurückzukehren, wie es früher einmal war. Bis Mitte/Ende des 20. Jahrhunderts stellten die Menschen ihre Kleidung entweder selbst her oder kauften für sich selbst hergestellte Einzelstücke. Sie wussten, wer ihre Kleidung hergestellt hat, wer den Stoff produziert hat und wie viele Ressourcen in die Herstellung der Kleidung geflossen sind.

Seit dem Aufkommen der Fast Fashion haben wir jedoch die Verbindung zu den Kleidungsstücken, die wir tragen, verloren. Niemand weiß, woher seine Kleidung kommt oder wer sie hergestellt hat. Selbst die Marken, die die Kleidung verkaufen, wissen nicht, woher ihre Produkte stammen. Kleidung wird heute als Wegwerfartikel betrachtet, was bei den Verbrauchern eine Wegwerfkultur hervorgerufen hat.

 

Made-to-Order Fashion: The Fashion’s Solution To Overproduction and Waste Issues

Photo.via Unsplash

 

Made-to-Order bei l’amour est bleu

Bei l’amour est bleu haben wir uns ebenfalls für das Made-to-Order-Geschäftsmodell entschieden, weil wir der Meinung sind, dass dieses Modell dazu beiträgt, die Verschwendung von natürlichen Ressourcen zu reduzieren, was der Schlüssel für  die Umsetzung eines nachhaltigen Modeunternehmens ist. Das Made-to-Order-Modell ermöglicht es uns außerdem, unseren Kunden maßgeschneiderte Kleidungsstücke anzubieten – von der Größe, Farbe, Details bis hin zu Zusatzteilen wie Reißverschlüssen. So wird sichergestellt, dass das Kleidungsstück dem Kunden perfekt passt.

Natürlich bedeutet die Maßanfertigung, dass die Kunden länger auf ihr Kleidungsstück warten müssen. In einem Zeitalter, in dem die Verbraucher per Mausklick alles am nächsten Tag an die Haustür geliefert bekommen können, erfordert das Konzept der Maßanfertigung für einige ein Umdenken. Aber wir wollen nicht nur nachhaltige Kleidung produzieren, sondern auch die Verbraucher aufklären und ihnen ermöglichen, Modeartikel nachhaltiger zu kaufen und zu nutzen. 

Das Erlebnis, ein Kleidungsstück extra für sich anfertigen zu lassen, ist etwas Besonderes. Das Konzept bietet unseren Kunden einen emotionalen Wert, den Fast Fashion-Marken nicht bieten können. Die emotionale Bindung an das Kleidungsstück führt dazu, dass unsere Kunden es mehr schätzen und wahrscheinlich für eine lange Zeit tragen. Nach Angaben der Clean Clothes Campaign werden jedes Jahr 100 Milliarden Kleidungsstücke produziert, von denen 3 von 5 innerhalb eines Jahres auf der Mülldeponie landen. Um zu verhindern, dass unsere Kleidungsstücke auf Mülldeponien landen, müssen wir dafür sorgen, dass unsere Kleidung lange hält. 

l'amour est bleu Gründerin & Designerin Thien Huynh

 

  • Was war der Grund, warum Sie sich entschieden haben, Ihr Geschäftsmodell zu ändern und auf Auftragsfertigung umzustellen?

Bereits in der Gründungsphase von l’amour est bleu kam mir das Made-to-order-Modell in den Sinn. Ich wusste damals nicht, dass es Made-to-order hieß, ich dachte einfach nur darüber nach, wie ich am nachhaltigsten Mode produzieren könnte. Doch als ich meine Idee mit Freunden teilte, bekam ich nur negatives Feedback und sie sagten mir, dass in einer Zeit in der Zalando und Amazon am nächsten Tag liefern, niemand bereit wäre 2 bis 3 Wochen auf sein Kleidungsstück zu warten. Da verlor ich den Mut und produzierte die ersten drei Kollektionen vor, so wie alle Modeunternehmen es machen.

Nach der dritten Kollektion überkam mich die Unzufriedenheit, weil ich viele Kleidungsstücke nicht verkaufen konnte und sie sich mehr und mehr anhäuften. Ehrlich gesagt hatte ich auch nicht mehr die finanziellen Mittel eine neue Kollektion vorzuproduzieren, so dass ich meinen Mut zusammen nahm und es wagte, die neue Kollektion Made-to-order anzubieten. Die aktuellen Geschehnisse mit H&M und Burberry, die Bekleidung im Wert von Milliarden Euro verbrannten, kam mir auch Zugute, so dass ich das Made-to-order-Modell als die nachhaltige Zukunft der Mode bewerben konnte. Und das Konzept ging auf: Wir haben mit einer Lieferzeit von 2 Wochen begonnen und die Kunden haben es akzeptiert. Die erste Made-to-order Kollektion war sehr viel erfolgreicher als die vorherigen und seitdem bieten wir alle Kollektionen nach dem Made-to-order-Modell an.

 

  • Was sind die größten Vor- und Nachteile des Auftragsmodells?

Die größten Vorteile sind der nachhaltige Aspekt und die Personalisierung für den Kunden. Wir produzieren nur die Kleidungsstücke in den Farben und Größen, die der Kunde wirklich nachfragt, so das wir sehr wenige Überhänge haben. Natürlich haben wir auch Retouren, aber das in einem überschaubaren Rahmen. 

Das Made-to-order-Modell ist in jeder Hinsicht ressourcenschonend: Es wird kein Überschuss produziert und auch die Schneider arbeiten nicht umsonst.

Normalerweise erfordert jede neue Kollektion einen hohen Arbeitsaufwand, weil die Schnitte für alle Größen erstellt werden und anschließend Kleidungsstücke in allen Größen und Farben produziert werden. Bei uns wird standardmäßig nur die Größe S als Muster genäht und wir erstellen die restlichen Größen auf Anfrage. Andere Farbvarianten werden per Photoshop auf den Fotos retuschiert und wir bestellen die Stoffe erst, wenn ein Kunde eine neue Farbvariante bestellt. Das Made-to-order-Modell ermöglicht es allen Beteiligten nicht “umsonst” zu arbeiten.

Ein weiterer Vorteil ist unsere hohe Flexibilität, mit der wir auf Kundenwünsche reagieren können. Wir können jedes Kleidungsstück auf Maß produzieren oder so anpassen, dass es für den Kunden am besten sitzt. Dieser Service wird gut angenommen und es freut mich, für die Kunden perfekt sitzende Kleidungsstücke zu fertigen, die sie wirklich gerne tragen. Durch den engen Austausch mit unseren Kunden können wir gleichzeitig neue Modelle schnell verbessern und so unsere Retouren reduzieren. 

Der Nachteil an dem Made-to-order-Modell ist, dass wir sehr schnell agieren müssen, um unsere Lieferzeit von 10 Tagen umzusetzen. Diesen Sommer haben wir so viele Bestellungen wie noch nie erhalten und gleichzeitig gab es bei uns strukturelle Änderungen in der Produktion sowie personelle Einschränkungen und Lieferverzögerungen aufgrund der Pandemie. Mir hat es Bauchschmerzen bereitet, aber unsere Kunden zeigten größtenteils großes Verständnis.

 

  • Würden Sie jemals in Erwägung ziehen, zum Konfektionsmodell zurückzukehren?

Niemals. Ich hatte kurzzeitig darüber nachgedacht Basics und Bestseller vorzuproduzieren, um mehr “normale” Kunden von unserer nachhaltigen Mode zu überzeugen. Doch seit der Pandemie hat sich die Einstellung vieler Verbraucher geändert und wir verkaufen sogar Basics mit einer Lieferzeit von 10 Tagen. Mal schauen, wie sich das Kaufverhalten der Konsumenten entwickelt, aber ich freue mich über diese positive Entwicklung weg von der Fast Fashion.

 

  • Wenn ein Markeninhaber erwägt, ein maßgeschneidertes Modell zu integrieren, was raten Sie?

Mein Vorschlag wäre, es wirklich zu 100% zu machen. Dazu erfordert es Mut,vor allem, wenn man vorher vorproduziert hat. Doch du kannst die zuvor erwähnten Vorteile nur nutzen, wenn du es wirklich zu 100% machst. Dafür ist es sehr wichtig, gut funktionierende Prozesse zu haben, damit dein Unternehmen problemlos mit der Nachfrage wachsen kann. Wir haben mit der wachsenden Nachfrage gemerkt, dass unsere Prozesse nicht reibungslos funktionierten und mussten im Nachhinein nachbessern, was vor allem mir sehr viel Kopfzerbrechen beschert hat. 

It is still a learning-by-doing process for us because we are pioneers and have hardly any role models to learn from..

Vorwärts gehen…

Das Made-to-Order-Modell spielt sicherlich eine wichtige Rolle auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Modeindustrie. Es ist ein weitaus ethischerer und nachhaltigerer Ansatz, da es keine Überproduktion gibt und das Risiko, dass überschüssige, unerwünschte Ware auf Mülldeponien landet, verringert wird. Außerdem wird vermieden, dass eine Kultur des Konsums gefördert wird, bei der unnötig viele Kleidungsstücke gekauft und schnell weggeworfen werden. Stattdessen fördert es Slow Fashion und die Liebe zu einem Kleidungsstück, das speziell für den Kunden hergestellt wurde.

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Made to order

Slow Fashion made to order


Do you believe in fate? A very spiritual question to start a blog post, I know. I believe in fate because many things in my life have worked out the way I wanted them to. Many wishes did not come true as well, but in those cases I tell myself that it’s also fate!

When l’amour est bleu was still an idea in my head, I wanted to found a sustainable fashion label that sells fashion made to order. Since I have always lived by the motto “at all or not at all”, this was the most sustainable way for me to make fashion. My idea was to design collections, set up an order phase and then only order as much fabric and have garments sewn as they were ordered. But this way of making fashion was extremely revolutionary, if not utopian, for others.




Nobody will wait two weeks for fashion

Everyone advised me against “Made to order”, from friends to business consultants. “No customer will wait two weeks for fashion” or “this business model is not scalable”, were the comments. Nevertheless, I remained true to my vision, but the biggest hurdle was the fashion industry itself. It wasn’t made for this kind of supply chain. The sustainable fashion industry was then (two years ago!) much smaller than it is today and introducing a new supply chain in this industry was impossible. Well, it would have worked out with a lot of money and time, which I didn’t have either. The conventional fashion industry works like this: long lead times, high quantities, high investment, high risk. We are working on a summer collection with a lead time of one year and should decide which fabrics and styles will be combined to a collection for next year. We estimate how many pieces in which sizes will be produced and the collection is ready. Then we close our eyes and keep our fingers crossed. This system works so well that companies like H&M or Burberry burn millions of clothes every year. I spent a lot of time explaining my concept to fabric suppliers and producers and although they were in favour of the sustainable approach, they did not want to or could not realize made to order.





fashion industry




You have to pander to the powerful fashion industry  

In the end I gave up and had my first collection pre-produced conventionally – four styles with 50 pieces per style each, divided into the sizes S, M and L. The bank that financed my idea liked this method better, too. The second and third collections I realized in the same way, only with smaller quantities. The same thing happened that happened with all fashion brands: I couldn’t sell some styles. From years of experience I put the size emphasis of l’amour est bleu on the size M and had to find out that my customers mainly buy size S. Then of course there are styles that are sold more slowly than others. In the German fashion industry these are affectionately called “Penner” which means bums. That worried me a lot, because the unsold clothes were tied money, which I needed as an investment for the next collections. What should I do now? Sell the leftovers in SALE below value? Give it away to influencers? I did nothing of the kind, but kept a long breath. After all, my designs are timeless and seasonless, i.e. I didn’t have to sell the spring-summer collection in one season. So the cash register fills up more slowly, but I don’t devalue my fashion and the work behind it.




Fate led me to Made to order

Nevertheless the idea of making high investments for each collection and having too many clothes made that can’t be sold annoyed me. Last year, the means were no longer sufficient to pre-finance the next collection. When the bank refused another loan, I panicked. Was it the end now? I can’t just skip a collection, can I? And then my old vision came back into my head: Why not try out Made to order? Theoretically, I still had enough clothes to sell, but a new collection should bring a breath of fresh air. After all, what did I have to lose? In the worst case I wouldn’t have sold one piece of the Made to order collection and would have only invested the costs for the fabrics and my time. Since this idea occurred to me at very short notice, unfortunately there was no time to have the samples made by my pattern maker and factory in Jahnsdorf.





l'amour est bleu made to order




Now I walk to Karen at least once a week to pick up my finished orders…I think it couldn’t have been better. You won’t believe it but it gets even better: The Made to order collection is currently the most successful collection of l’amour est bleu!




Even the highest hurdle can be overcome

The sample collection was the simpler challenge in the implementation of Made to order. The much bigger challenge was to find tailors who sew the orders for me. The U&N studio was not able to do this project because the factory was not made for such flexible orders. In the end it was my friend Jovan from j.jackman who gave me a hand. She read about my Made to order project on Instagram and suggested I try it with her dressmaker. j.jackman offers modern business fashion, which is also made to order in Berlin. Thanks to Jovan my orders are sewn by Karen now. She is a freelance tailor and has her own studio, which is a ten minutes walk away from me. Now I walk to Karen at least once a week to pick up my finished orders…I think it couldn’t have been better. You won’t believe it but it gets even better: The Made to order collection is currently the most successful collection of l’amour est bleu! That makes me so incredibly proud that my vision has come true. It makes me all the more proud that there are so many women who are willing to wait two to three weeks for a garment. This gives me hope that all my efforts to make the fashion world more sustainable are not in vain. To return to my introductory question. Yes, I believe in fate and that your dreams can come true. And if one or the other dream doesn’t come true, something much better is waiting for you.



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Made to order

Slow Fashion auf Bestellung


ENGLISH VERSION

Glaubst du an Schicksal? Eine sehr spirituelle Frage, um einen Blogpost zu beginnen, ich weiß. Ich glaube an das Schicksal, weil sich viele Dinge in meinem Leben so gefügt haben, wie ich es mir gewünscht habe. Auf der anderen Seite sind auch viele Wünsche nicht in Erfüllung gegangen, doch da rede ich mir ein, dass es nicht so sein sollte!

Als l’amour est bleu noch eine Idee in meinem Kopf war, wollte ich ein nachhaltiges Modelabel gründen, das Mode auf Bestellung verkauft. Da ich schon immer nach der Devise „ganz oder gar nicht“ gelebt habe, war das für mich die nachhaltigste Art Mode zu machen. Meine Idee war es, Kollektionen zu entwerfen, eine Bestellphase einzurichten und anschließend nur so viel Stoff zu bestellen und Kleidungsstücke nähen zu lassen, wie auch bestellt worden sind. Doch diese nicht neu erfundene Art Mode zu machen war für andere äußerst revolutionär, wenn nicht sogar utopisch.




Keiner ist bereit zwei Wochen auf Mode zu warten

Jeder hat mir von Made to order abgeraten, angefangen bei Freunden bis hin zu Business-Beratern. „Kein Kunde sei bereit zwei Wochen auf Mode zu warten“ oder „dieses Geschäftsmodell sei nicht skalierbar“, durfte ich mir anhören. Trotzdem blieb ich meiner Vision treu, doch die größte Hürde war die Modeindustrie selbst. Sie war nicht für diese Art der Lieferkette gemacht. Die nachhaltige Modeindustrie war damals (vor zwei Jahren!) noch viel kleiner, als sie heute ist und in diesem Bereich eine neue Lieferkette einführen zu wollen, war unmöglich. Na gut, es hätte mit viel Geld und Zeit funktioniert, was ich beides nicht hatte. Die konventionelle Modeindustrie funktioniert nämlich so: Lange Vorlaufzeiten, hohe Mengen, hohes Investment, großes Risiko. Wir arbeiten an einer Sommerkollektion mit einem Vorlauf von einem Jahr und sollen da entscheiden, welche Stoffe und Styles im nächsten Jahr zu einer Kollektion zusammengestellt werden sollen. Anschließend wird noch geschätzt, wie viele Teile in welchen Größen hergestellt werden sollen und fertig ist die Kollektion. Dann heißt es Augen zu und Daumen drücken. Dieses System funktioniert so gut, dass Unternehmen wie H&M oder Burberry jedes Jahr Millionen von Kleidung verbrennen. Ich investierte viel Zeit darin, Stofflieferanten und Produzenten mein Konzept zu erklären und obwohl sie den nachhaltigen Ansatz befürworteten, wollten oder konnten sich nicht auf Made to order einlassen.





fashion industry




Man muss sich der mächtigen Modeindustrie fügen  

Letztendlich habe ich klein beigegeben und meine erste Kollektion ganz konventionell vorproduzieren lassen – vier Styles mit jeweils 50 Stück pro Style, aufgeteilt in die Größen S, M und L. Der Bank, die meine Idee finanziert hat, gefiel diese Methode auch besser. Die zweite und dritte Kollektion habe ich genauso umgesetzt, nur mit geringeren Stückzahlen. Es trat das ein, was bei allen Modemarken eintritt: Ich blieb auf einigen Styles sitzen. Aus jahrelanger Erfahrung legte ich den Größenschwerpunkt von l’amour est bleu auf die Größe M und musste feststellen, dass meine Kundinnen hauptsächlich Größe S kaufen. Dann gibt es natürlich Styles die schlechter verkauft werden, als andere. Diese werden in der Modeindustrie liebevoll als „Penner“ bezeichnet. Das wurmte mich sehr, denn die nicht verkauften Kleidungsstücke waren gebundenes Geld, welches ich für als Investition für die nächsten Kollektionen brauchte. Was sollte ich nun tun? Die Reste im SALE unter Wert verkaufen? An Influencer verschenken? Ich tat nichts davon, sondern behielt einen langen Atem. Schließlich sind meine Designs zeitlos und saisonunabhängig, d.h. ich musste die Frühjahr-Sommer-Kollektion nicht in einer Saison abverkaufen. So füllt sich die Kasse zwar langsamer, aber ich entwerte nicht meine Mode und die Arbeit, die dahintersteckt.




Das Schicksal führte mich zu Made to order

Trotzdem wurmte mich die Vorstellung, für jede Kollektion ein hohes Investment zu tätigen und blind Bekleidung anfertigen zu lassen, auf der ich lange Sitze. Im letzten Jahr kam es schließlich dazu, dass die finanziellen Mittel nicht mehr reichten, um die nächste Kollektion vorzufinanzieren. Als die Bank dann noch einen weiteren Kredit ablehnte, bekam ich es mit der Panik zu tun. War es jetzt das Ende? Ich kann doch nicht einfach eine Kollektion auslassen? Und da schoss mir meine alte Vision wieder in den Kopf: Warum nicht Made to order ausprobieren? Theoretisch hatte ich noch genug Ware zum Abverkaufen, doch eine neue Kollektion sollte für frischen Wind sorgen. Was hatte ich schließlich zu verlieren? Im schlimmsten Fall hätte ich kein Teil der Made to order-Kollektion verkauft und hätte nur die Kosten für die Stoffe und meine Zeit investiert. Da mir diese Idee nämlich sehr kurzfristig einfiel, fehlte leider die Zeit die Muster von meiner Schnittmacherin und Produktion in Jahnsdorf anfertigen zu lassen.





l'amour est bleu made to order




Jetzt laufe ich mindestens einmal die Woche zu Karen, um meine fertig genähten Bestellungen abzuholen…ich glaube, besser konnte es nicht kommen. Obwohl doch, es kommt noch besser: Die Made to order-Kollektion ist aktuell die erfolgreichste Kollektion von l’amour est bleu!




Auch die höchste Hürde kann man meistern

Die Musterkollektion war die einfachere Herausforderung bei der Umsetzung von Made to order. Die viel größere Herausforderung war Schneider*innen zu finden, die für mich die Bestellungen nähen. Das Studio U&N konnte dieses Projekt nicht umsetzen, weil die Manufaktur nicht für solche flexiblen Aufträge ausgelegt ist. Letztendlich war es meine Bekannte Jovan von j.jackman, die mir unter die Arme griff. Sie las von meinem Made to order-Projekt auf Instagram und schlug mir vor, es mit ihrer Schneiderin zu probieren. j.jackman bietet moderne Businessmode an, die ebenfalls erst auf Bestellung in Berlin gefertigt wird. Dank Jovan näht nun Karen meine Bestellungen. Sie ist freiberufliche Schneiderin und hat ein eigenes Atelier, welches von mir zehn Minuten fußläufig erreichbar ist. Jetzt laufe ich mindestens einmal die Woche zu Karen, um meine fertig genähten Bestellungen abzuholen…ich glaube, besser konnte es nicht kommen. Obwohl doch, es kommt noch besser: Die Made to order-Kollektion ist aktuell die erfolgreichste Kollektion von l’amour est bleu! Das macht mich so unglaublich stolz, dass meine Vision in Erfüllung gegangen ist. Umso stolzer macht es mich, dass es so viele Frauen gibt, die bereit sind für ein Kleidungsstück zwei bis drei Wochen Wartezeit in Kauf zu nehmen. Das gibt mir Hoffnung, dass meine ganzen Bemühungen, die Modewelt nachhaltiger zu gestalten nicht vergebens ist. Um zu meiner Einstiegsfrage zurückzukommen. Ja, ich glaube an Schicksal und daran, dass deine Träume in Erfüllung gehen können. Und falls der ein oder andere Traum nicht wahr werden sollte, dann wartet auf dich etwas viel Besseres.



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Wie wird man SLOW in einer Fast Fashion Welt


Während ich diesen Beitrag schreibe, sitze ich im Zug Richtung Berlin. Dieses Wochenende habe ich meine beste Freundin in Bayern besucht, obwohl laut meinem Terminkalender überhaupt keine Zeit dafür war. Vor zwei Wochen waren meine Familie und ich 14 Tage im Thailand-Urlaub, das Weihnachtsgeschäft geht los…es gäbe 1000 Gründe, weshalb ich nicht hätte fahren dürfen. Doch ich habe es trotzdem getan. Für mich bedeutet ein nachhaltiges Modelabel führen auch ein bewussteres Business führen. Sich einerseits den Gesetzen und dem Rhythmus der Modeindustrie zu fügen, aber andererseits dem Ganzen gleichzeitig an Geschwindigkeit zu nehmen.




Dem Hamsterrad der Modewelt entfliehen

Die Modewelt ist wie ein Hamsterrad, das auf 100 km/h läuft. Nie kann etwas schnell genug sein, am besten hätte man den neuesten Trend schon heute im Laden hängen. Diesem Rhythmus bin ich die letzten zehn Jahre stumpf gefolgt und habe auch Gefallen daran gefunden. Doch vor einigen Jahren überkam mich das Gefühl, dass die Modeindustrie sich selber überholt hat. Bei der ganzen Hektik blieb keine Zeit mehr für Kreativität und neue Ideen. Man rannte angestrengt den erfolgreichen Playern hinterher und kopierte alles, was sie taten. Diesem Hamsterrad bin ich entflohen und widmete mich der nachhaltigen Mode. Ich wollte alles anders machen und Mode schaffen, die sich von der Masse abhebt. Den Gesetzen der Mode- bzw. Konsumindustrie wollte ich mich widersetzen und einen bewussteren Konsumstil einführen. Mir wurde sehr schnell vor Augen geführt, wie revolutionär meine Ideen waren.









Die revolutionäre Idee von Slow Fashion

Als erstes wollte ich Made-to-Order-Kollektionen einführen – das bedeutet, es wird nur Mode produziert, die tatsächlich bestellt wurde. Wenn das alles unter fairen Arbeitsbedingungen ablaufen soll, müsste ein Kunde für ein bezahlbares, nachhaltiges Kleidungsstück etwa sechs Wochen warten. Mir wurde schnell um die Ohren geworfen, dass heutzutage NIEMAND bereit ist, so lange auf ein Kleidungsstück zu warten! Erst Recht nicht, wenn es nur online verkauft wird. Na gut, die Idee wurde schnell verworfen und ich plante 3-Monatskollektionen mit kleinem Umfang und geringer Stückzahl. Das war auch nicht wirklich umsetzbar, weil nur eine geringe Anzahl an Produzenten Lust auf solche Mini-Produktionen hat. Jeder Stoffeinkauf unter 50 m ist so teuer, dass das Thema bezahlbare nachhaltige Mode daran scheiterte. Letztendlich entstand daraus der Kompromiss aus 3-Monatskollektionen aus drei bis vier Modellen mit jeweils 50 Stück pro Modell. Für ein junges, eigenfinanziertes Modelabel eine große finanzielle Herausforderung.





Nachdem ich alle Partner für die Umsetzung meiner Kollektionen gefunden hatte, ging die erste Kollektion in Produktion und ich stellte fest, wie viele Akteure in der Lieferkette deinen wunderbaren Zeitplan sabotieren können. Stofflieferung zwei Wochen zu spät, Produktion zwei Wochen zu spät, Fotoshooting um 2 Wochen nach hinten verschoben, Fotobearbeitung eine Woche zu spät…so sammelte sich innerhalb kürzester Zeit eine Verspätung von vier bis sechs Wochen an. In der Modeindustrie tödlich!!! Von der alten Arbeitsattitüde geprägt, machte mich das Wahnsinnig. Ich bekam die Krise, wenn meine Produktion ab 16 Uhr nicht mehr erreichbar war. Ich flippte aus, wenn mein Textillieferant mir keinen konkreten Liefertermin nennen konnte. Ich explodierte, wenn ein Kleidermodell Passformschwierigkeiten aufwies. Es entspricht nicht meiner Natur, Lieferanten Druck zu machen, denen hinterher zu telefonieren und per E-Mail alle 30 min. zu belästigen. Dies musste ich in der Vergangenheit tun und fand es furchtbar. Es entsprach auch nicht meiner Vorstellung von nachhaltiger Mode.




Es wird keiner daran sterben

Ich lernte Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern konnte. „Let it go“, wie es so schön in der Eiskönigin heißt und wie mir meine Tochter regelmäßig vorträllert. Doch der Weg bis dahin war schwer. Wenn du alleine dein eigenes Business gründest und nicht die Rückendeckung von Investoren oder reichen Eltern hast, erlaubst du dir keine großen Fehler. Doch mir kam ein Satz wieder in den Sinn, der mir damals als Angestellte sehr oft im Kopf schwirrte: „Es wird keiner daran sterben“. Ich gönne es meinen Schneiderinnen, am Freitag nach 16 Uhr Feierabend zu haben. Meine Schnittmacherin soll keine Nachtschichten schieben, um neben ihren vielen Aufträgen meinen Auftrag termingerecht zu erledigen. Meine Fotografin soll mir Fotos übergeben, mit denen auch sie zufrieden ist und nicht welche, die sie wie am Fließband bearbeitet hat. Ich genehmigte mir und meinen Partnern in dieser Fast Fashion Welt „SLOW“ zu werden. Insgesamt das Tempo zu drosseln, damit höhere Qualität erzielt werden kann.









Ein Unternehmen bewusst führen

SLOW werden bedeutet für mich ebenfalls, mich nicht für mein Business aufzugeben. Ich habe mein eigenes Modelabel gegründet, um einen Traum zu verwirklichen. Doch gleichzeitig ist es mein Ziel, meine Familie und Freunde niemals zu vernachlässigen. Denn das sind die Personen, die in meinem Leben zählen. Ich unternehme an fast jedem Wochenende etwas mit meiner Familie und finde es nicht schlimm, dafür am Samstag- und Sonntagabend noch zu arbeiten. Es gibt kaum etwas Unvernünftigeres als im ersten Geschäftsjahr zwei Wochen Urlaub zu machen. Aber ich brauchte es. Mutterwerden war für mich eines der schwierigsten Kapitel in meinem Leben. Mein zweites Kind – mein Modelabel – auf die Welt zu bringen, hatte mir sämtliche Reserven geraubt. Ich brauchte eine Auszeit und die habe ich mir gegönnt. Meine beste Freundin und mich trennt seit vielen Jahren 500 km Entfernung und wir haben uns über ein Jahr nicht mehr gesehen. Sie steht gerade vor einer großen Veränderung in ihrem Leben und ich hatte das Gefühl, für sie da sein zu müssen. Einfach nur Zeit mit ihr zu verbringen, um ihr zu zeigen, dass ich trotz meines Business immer Zeit für sie finde. Solche Entscheidungen fallen mir bei der Masse an Arbeit nicht leicht. Aber ich bereue sie nicht. Ich weiß nicht, wohin mich diese Einstellung führen wird. Doch es fühlt sich für mich und mein nachhaltiges Modelabel richtig an.





Fotos: Veri Ivanova, Nancy Jesse, Leslie Juarez