Wie wird man SLOW in einer Fast Fashion Welt

Während ich diesen Beitrag schreibe, sitze ich im Zug Richtung Berlin. Dieses Wochenende habe ich meine beste Freundin in Bayern besucht, obwohl laut meinem Terminkalender überhaupt keine Zeit dafür war. Vor zwei Wochen waren meine Familie und ich 14 Tage im Thailand-Urlaub, das Weihnachtsgeschäft geht los…es gäbe 1000 Gründe, weshalb ich nicht hätte fahren dürfen. Doch ich habe es trotzdem getan. Für mich bedeutet ein nachhaltiges Modelabel führen auch ein bewussteres Business führen. Sich einerseits den Gesetzen und dem Rhythmus der Modeindustrie zu fügen, aber andererseits dem Ganzen gleichzeitig an Geschwindigkeit zu nehmen.

Dem Hamsterrad der Modewelt entfliehen

Die Modewelt ist wie ein Hamsterrad, das auf 100 km/h läuft. Nie kann etwas schnell genug sein, am besten hätte man den neuesten Trend schon heute im Laden hängen. Diesem Rhythmus bin ich die letzten zehn Jahre stumpf gefolgt und habe auch Gefallen daran gefunden. Doch vor einigen Jahren überkam mich das Gefühl, dass die Modeindustrie sich selber überholt hat. Bei der ganzen Hektik blieb keine Zeit mehr für Kreativität und neue Ideen. Man rannte angestrengt den erfolgreichen Playern hinterher und kopierte alles, was sie taten. Diesem Hamsterrad bin ich entflohen und widmete mich der nachhaltigen Mode. Ich wollte alles anders machen und Mode schaffen, die sich von der Masse abhebt. Den Gesetzen der Mode- bzw. Konsumindustrie wollte ich mich widersetzen und einen bewussteren Konsumstil einführen. Mir wurde sehr schnell vor Augen geführt, wie revolutionär meine Ideen waren.

Die revolutionäre Idee von Slow Fashion

Als erstes wollte ich Made-to-Order-Kollektionen einführen – das bedeutet, es wird nur Mode produziert, die tatsächlich bestellt wurde. Wenn das alles unter fairen Arbeitsbedingungen ablaufen soll, müsste ein Kunde für ein bezahlbares, nachhaltiges Kleidungsstück etwa sechs Wochen warten. Mir wurde schnell um die Ohren geworfen, dass heutzutage NIEMAND bereit ist, so lange auf ein Kleidungsstück zu warten! Erst Recht nicht, wenn es nur online verkauft wird. Na gut, die Idee wurde schnell verworfen und ich plante 3-Monatskollektionen mit kleinem Umfang und geringer Stückzahl. Das war auch nicht wirklich umsetzbar, weil nur eine geringe Anzahl an Produzenten Lust auf solche Mini-Produktionen hat. Jeder Stoffeinkauf unter 50 m ist so teuer, dass das Thema bezahlbare nachhaltige Mode daran scheiterte. Letztendlich entstand daraus der Kompromiss aus 3-Monatskollektionen aus drei bis vier Modellen mit jeweils 50 Stück pro Modell. Für ein junges, eigenfinanziertes Modelabel eine große finanzielle Herausforderung.

Nachdem ich alle Partner für die Umsetzung meiner Kollektionen gefunden hatte, ging die erste Kollektion in Produktion und ich stellte fest, wie viele Akteure in der Lieferkette deinen wunderbaren Zeitplan sabotieren können. Stofflieferung zwei Wochen zu spät, Produktion zwei Wochen zu spät, Fotoshooting um 2 Wochen nach hinten verschoben, Fotobearbeitung eine Woche zu spät…so sammelte sich innerhalb kürzester Zeit eine Verspätung von vier bis sechs Wochen an. In der Modeindustrie tödlich!!! Von der alten Arbeitsattitüde geprägt, machte mich das Wahnsinnig. Ich bekam die Krise, wenn meine Produktion ab 16 Uhr nicht mehr erreichbar war. Ich flippte aus, wenn mein Textillieferant mir keinen konkreten Liefertermin nennen konnte. Ich explodierte, wenn ein Kleidermodell Passformschwierigkeiten aufwies. Es entspricht nicht meiner Natur, Lieferanten Druck zu machen, denen hinterher zu telefonieren und per E-Mail alle 30 min. zu belästigen. Dies musste ich in der Vergangenheit tun und fand es furchtbar. Es entsprach auch nicht meiner Vorstellung von nachhaltiger Mode.

Es wird keiner daran sterben

Ich lernte Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern konnte. „Let it go“, wie es so schön in der Eiskönigin heißt und wie mir meine Tochter regelmäßig vorträllert. Doch der Weg bis dahin war schwer. Wenn du alleine dein eigenes Business gründest und nicht die Rückendeckung von Investoren oder reichen Eltern hast, erlaubst du dir keine großen Fehler. Doch mir kam ein Satz wieder in den Sinn, der mir damals als Angestellte sehr oft im Kopf schwirrte: „Es wird keiner daran sterben“. Ich gönne es meinen Schneiderinnen, am Freitag nach 16 Uhr Feierabend zu haben. Meine Schnittmacherin soll keine Nachtschichten schieben, um neben ihren vielen Aufträgen meinen Auftrag termingerecht zu erledigen. Meine Fotografin soll mir Fotos übergeben, mit denen auch sie zufrieden ist und nicht welche, die sie wie am Fließband bearbeitet hat. Ich genehmigte mir und meinen Partnern in dieser Fast Fashion Welt „SLOW“ zu werden. Insgesamt das Tempo zu drosseln, damit höhere Qualität erzielt werden kann.

Ein Unternehmen bewusst führen

SLOW werden bedeutet für mich ebenfalls, mich nicht für mein Business aufzugeben. Ich habe mein eigenes Modelabel gegründet, um einen Traum zu verwirklichen. Doch gleichzeitig ist es mein Ziel, meine Familie und Freunde niemals zu vernachlässigen. Denn das sind die Personen, die in meinem Leben zählen. Ich unternehme an fast jedem Wochenende etwas mit meiner Familie und finde es nicht schlimm, dafür am Samstag- und Sonntagabend noch zu arbeiten. Es gibt kaum etwas Unvernünftigeres als im ersten Geschäftsjahr zwei Wochen Urlaub zu machen. Aber ich brauchte es. Mutterwerden war für mich eines der schwierigsten Kapitel in meinem Leben. Mein zweites Kind – mein Modelabel – auf die Welt zu bringen, hatte mir sämtliche Reserven geraubt. Ich brauchte eine Auszeit und die habe ich mir gegönnt. Meine beste Freundin und mich trennt seit vielen Jahren 500 km Entfernung und wir haben uns über ein Jahr nicht mehr gesehen. Sie steht gerade vor einer großen Veränderung in ihrem Leben und ich hatte das Gefühl, für sie da sein zu müssen. Einfach nur Zeit mit ihr zu verbringen, um ihr zu zeigen, dass ich trotz meines Business immer Zeit für sie finde. Solche Entscheidungen fallen mir bei der Masse an Arbeit nicht leicht. Aber ich bereue sie nicht. Ich weiß nicht, wohin mich diese Einstellung führen wird. Doch es fühlt sich für mich und mein nachhaltiges Modelabel richtig an.

Fotos: Veri Ivanova, Nancy Jesse, Leslie Juarez

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