Monatlicher Archiv: September 2017

How do I buy fashion more consciously and sustainably?

Falls du dich bereits mit dieser Frage beschäftigt hast, ist das sehr löblich. Denn der Großteil der konsumierenden Menschen verschließt lieber die Augen vor den Missständen in der Modeindustrie. Es ist auf keinen Fall so, dass ich nur noch nachhaltige Mode einkaufe. Da scheitert es bei mir zum einen am Budget, denn nachhaltige Mode hat berechtigterweise ihren Preis. Zum anderen gibt es bisher nur wenige Modemarken, die meinen persönlichen Stil widerspiegeln. Doch ein nachhaltiges Modelabel gründen bedeutet für mich auch, mich mit meinem Modekonsum bewusst auseinanderzusetzen.

Wenn ich ein neues Kleidungsstück kaufe, schaue ich generell immer bei den nachhaltigen Marken zuerst – sei es im Avocadostore, Glore, Love eco, DearGoods…mittlerweile gibt es bereits eine große Auswahl an nachhaltigen Shops. Ich schaue ebenfalls direkt bei den Onlineshops der nachhaltigen Marken rein und habe bei einigen auch schon eingekauft. Aber nach über zehn Jahren in der Modebranche habe ich einen hohen Anspruch an meine Mode entwickelt. Für mich muss ein Kleidungsstück ein gutes Verhältnis aus Stil, Passform, Qualität und Preis haben, damit ich es kaufe. Beim Hinterfragen der Mode, die man kauft, fängt für mich der bewusstere und nachhaltigere Modekonsum an. Nur noch nachhaltige Modemarken zu kaufen ist zu einseitig gedacht. Beim Kleidungskauf die Kriterien Stil, Passform, Qualität und Preis zu hinterfragen ist für mich ein nachhaltigerer Ansatz.

Passt das Kleidungsstück wirklich zu meinem Stil?

Frage dich, bevor du ein Kleidungsstück kaufst, ob es wirklich zu deinem Stil passt. Natürlich darfst du dich neu erfinden und mit Mode experimentieren. Ich fand eine Zeit lang schwarze BHs unter weißen Oberteilen richtig stylish (danke Carrie für diese tolle Modeinspiration). Wenn ich heute die Fotos von mir in diesem besagten Outfit sehe, graut es mir. Oder meine lilafarbenen Velourleder-Schaftstiefel! Mindestens genauso gruselig! Bei meinem Stil und modischen Anspruch mache ich keine Kompromisse. Ich möchte die Arbeit nachhaltiger Marken unterstützen, aber dafür trage ich nicht etwas, was ich nicht bin. Und deshalb mache ich ja auch meine eigene Mode – in der Hoffnung mir und anderen Frauen die Möglichkeit zu geben, sich nachhaltig und modisch anspruchsvoll kleiden zu können.

Passt mir das Kleidungsstück wirklich?

Die Frage nach der Passform hat ebenfalls seine Berechtigung: Ich kenne unzählige Freundinnen, die mit mir zur Spezies Sich-Selbst-Belügen-Frauen gehören. Diese Spezies Frau kauft sich zu enge Kleidung in der Hoffnung, nach der besagten Diät (oder nach der Stressphase oder dem Urlaub oder irgendwelchen anderen Ausreden) hineinzupassen. Hat es bei dir geklappt? Falls ja, dann Glückwunsch, bei mir und 90% der anderen Frauen nämlich nicht. Ich gehöre zu den Frauen, die nach dem Essen heimlich den Knopf der zu engen Jeans aufmachen, weil sie sonst keine Luft mehr bekommen. Mittlerweile kaufe ich keine zu enge oder schlechtsitzende Kleidung mehr. Da liegt meine Kompromissbereitschaft seit der Geburt meiner Tochter bei null. Es gibt nämlich etwas noch Schlimmeres als nach dem Essen an der zu engen Jeans zu ersticken – nämlich mit einer zu engen Jeans auf dem Boden zu krabbeln und dabei zu ersticken.

Hat das Kleidungsstück eine gute Qualität?

Die Qualität der Bekleidung ist ebenfalls ein Kriterium, auf das ich heutzutage großen Wert lege. Nachdem ich mich mehrere Winter an den unzähligen Stromschlägen von meinen Acryl-Schals und -Pullovern fast zu Tode erschreckt habe, kommt mir kein Acryl mehr in den Kleiderschrank. Polyesterkleidung ist bei der Anprobe immer was Schönes – schön fließend, knittert nicht und luftig leicht. Doch dann merkst du, wie du an einem heißen Sommertag in deiner halbtransparenten Polyester-Bluse wie bei einem Spaziergang durch die Sahara schwitzt. Wenn die antistatische Waschung nach einigen Waschmaschinengängen entfernt worden ist, entdeckst du plötzlich beim Vorbeigehen am Spiegel, dass deine Haare zu Berge stehen. Zu guter Letzt kommen noch die Stromschläge dazu. Ich habe von diesen schönen Erlebnissen genug und verzichte mittlerweile weitestgehend auf Kunstfasern. Manchmal lässt es sich leider nicht vermeiden, weil viele Blazer und Kleider doch noch mit Polyester gefüttert werden.

Stimmt bei dem Kleidungsstück das Preis-Leistungsverhältnis?

Der letzte Punkt Preis-Leistungsverhältnis ist mitunter der wichtigste Punkt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich bei der Kleiderwahl nicht nur blind auf die Marke und den Preis verlassen kann. Ich habe bereits viel Geld für Mode von Closed, Sandro oder Maje ausgegeben und mich im Nachhinein wahnsinnig geärgert, wenn ich die Kleidung nach zwei bis drei Mal tragen komplett entsorgen musste. Nähte oder Stoffe haben sich komplett aufgelöst, so dass ich die Kleidung noch nicht einmal flicken konnte. Bei einigen wahnsinnig teuren Designerprodukten konnte ich keinen Unterschied zu günstigen Marken feststellen – die Schuhe haben genauso gedrückt oder die Tasche zeigte nach kurzer Zeit Gebrauchsspuren wie nach einem Krieg. Ich habe einen wunderschönen Jacquardmantel von Closed, den ich nach dreimal tragen wie ein Schaf scheren muss. Aber ich finde den Mantel so schön, dass ich es in Kauf nehme…doch nachdem er wieder verfilzt ist, hängt er erst einmal eine Zeit lang im Schrank. Auf der anderen Seite besitze ich viele Kleidungsstücke von ZARA und anderen Fast Fashion Ungeheuern, die ich bereits seit vielen Jahren trage und die nach wie vor einwandfrei sind (ja, das geht bei ausgewählten Teilen). Daher prüfe ich immer, ob Qualität und Preis zusammenpassen. Ich schaue mir die Etiketten nach Material und Herkunft an, das Material selbst (hängt es bereits verfusselt am Bügel?) und auch die Verarbeitung (sind die Nähte gerade, stehen schon Fäden ab?). Gedanken wie „es ist so günstig, das nehme ich jetzt einfach mit“ oder „das ist die und die Marke, da wird die Qualität schon passen“, habe ich nicht mehr. Ich schaue mir jedes Kleidungsstück ganz genau an. Dementsprechend weniger Mode kaufe ich auch.

Nachhaltige Mode ist von dieser Prüfung nicht ausgeschlossen. Hier gibt es genauso viele Kandidaten, die durchfallen. Dies betrifft das Kriterium Stil genauso wie Passform oder Qualität. Bewussterer und nachhaltigerer Bekleidungskauf fängt für mich vor allem bei dem „bewusst“ an: Bewusst nachhaltige Materialien bevorzugen, bewusst die Herkunft hinterfragen und bewusst das Kleidungsstück prüfen. So baust du dir allmählich einen Kleiderschrank mit deinen Lieblingskleidungsstücken auf, die du gerne und lange trägst.

Fotos: Hannah Morgan, Pete Bellis, Jose Alfredo Lerma Contreras, Jeremy Wong

Wie plane ich mein Modebusiness?

In einem älteren Blogpost hatte ich von der Herausforderung erzählt, vor einem weißen Blatt Papier zu sitzen und auf Anhieb etwas entwerfen zu müssen. Als ich mit der Planung meines nachhaltigen Modelabels anfing, war es genau das Gegenteil. Mir schwirrte schon ein grober Plan im Kopf herum und getrieben von meiner unendlich großen Motivation legte ich einfach los. Bis mich irgendwann alles überrollte und ich den Überblick verlor.

Planlosigkeit = Schlaflosigkeit

Strategisches Planen gehört nicht zu meinen Lieblingsaktivitäten, das sieht man meinem enthusiastischen Gesichtsausdruck auf dem Foto deutlich an, oder? Insbesondere wenn ich neue spannende Aufgaben vor mir habe, neige ich dazu einfach drauflos zu legen. Jedes Mal war das Ergebnis, dass ich mich in einem wirren Chaos wiederfand und von vorn beginnen musste. Aus irgendwelchen Gründen tue ich es bei neuen Herausforderungen immer wieder und das seit über 20 Jahren! Also tat ich, zuverlässig wie ich bin, das Gleiche bei der Gründung meines nachhaltigen Modelabels.

Ich hatte meine Geschäftsidee bereits in einer Powerpoint-Präsentation festgehalten. Nach mehreren Jahren im Marketing bin ich jetzt eine ernstzunehmende Gegnerin beim Ausführen von Powerpoint-Schlachten! Mit meiner durchgestylten Präsi gewappnet, füllte ich mich bereit loszulegen und setzte an mehreren Enden gleichzeitig meine Geschäftsidee um. Lieferanten suchen, Branding entwickeln, Designs erstellen, usw. Ich war so rastlos, dass ich gar nicht mehr schlafen wollte. Ich war so voller Energie, dass ich am liebsten 24 Stunden durchgearbeitet hätte. Ich kam auf diese Art und Weise sogar relativ weit – bis kurz vor Produktion meiner ersten Kollektion. Stoffe wurden in Produktion gegeben, die Produktionsstätte stand quasi in den Startlöchern, der Markenname war angemeldet…doch je weiter ich fortschritt, desto schlechter konnte ich schlafen. Ich lag monatelang schlaflos im Bett, weil es in meinem Kopf nicht aufhörte zu rattern. Ich plante für den nächsten Tag, die nächste Woche, den nächsten Monat und das nächste Jahr. Trotzdem wachte ich am nächsten Morgen auf und wusste nicht, wo ich anfangen sollte.

Planlos loslegen ist wie Glücksspiel

In der Gründungsphase musste ich viele wichtige Entscheidungen treffen: Angefangen beim Markennamen, über die finalen Designs bis hin zu den passenden Lieferanten und Produzenten. Hinzu kommen noch viele kurzfristig zu fällende Entscheidungen, die aber langfristige Auswirkungen haben. Mitten in der Produktentwicklung fand ich per Zufall heraus, dass der Stoff vom Longpullover Sweater plötzlich ausverkauft war! Der Lieferant hatte mir zuvor versichert, dass er noch jede Menge Stoff auf Lager hätte. Mir wurde angeboten mich an der Produktion für Februar mit einer Anzahlung zu beteiligen. Ich war mitten in der Entwicklung der ersten Kollektion, hatte noch keine Finanzierung in der Tasche und sollte entscheiden, ob ich 50 m Stoff fünf Monate vorher bestelle?! Mein Mann war zu dem Zeitpunkt mit Bewerbungsgesprächen beschäftigt und lebte in einer Parallelwelt, ich hatte kaum Freunde in Berlin und mir war nicht danach meine Freundinnen per Whatsapp zu fragen: „Soll ich auf gut Glück 50 m Stoff produzieren lassen?“ Ich fühlte mich ein bisschen wie beim Glücksspiel. Allerdings nicht wie eine beflügelte Spielerin, sondern eher wie eine getriebene Spielsüchtige mit Bauchschmerzen und Augenringen.

Planen macht zwar keinen Spaß, aber es hilft

Jetzt im Nachhinein möchte ich jedem den Rat geben: Frag’ andere Menschen nach ihrer Meinung! Und vor allem verschiedene Menschen – Partner, Freunde und Arbeitskollegen. Viele unterschiedliche Meinungen oder überschneidende Meinungen helfen Dir bei Deiner Entscheidung weiter. Allein das Aussprechen der Pros und Cons, die Dich nächtelang wachhalten, bringen Dich bereits einen Schritt weiter. Du musst nicht alles allein machen! Auch wenn Du zur Perfektion neigst und nichts daran ändern kannst! Das nur als Rat am Rande.

Als mir in der Gründungsphase der erste fatale Fehler passierte, wurde mir klar, dass ich an meiner Arbeitsweise etwas ändern musste. Mit der ersten Schnittmacherin bin ich in eine Katastrophe geschlittert, was mir noch mehr Bauchschmerzen und schlaflose Nächte bereitete (die Geschichte erzähle ich Dir ein anderes Mal). Irgendwann klagte ich meinem Ehemann von meinem Leid. Ich erzählte ihm, dass ich nicht mehr schlafen könnte, weil ich so viele Dinge auf einmal zu tun hätte und ich nicht weiß, wo mir der Kopf stand. Ich bat um einen Workshop, in dem alle Aufgabenbereiche meines Modebusiness mit den dazugehörigen Schwerpunktaufgaben erfasst und festgehalten werden sollten. Das taten wir dann drei halbe Tage lang (mein Mann hatte noch einen richtigen Job und ich musste mich meinem zweiten Job, unserer kleinen Tochter, widmen). Wir überlegten uns, in welche Abteilungen wir mein Unternehmen aufteilen könnten und notierten diese auf Karteikarten. Dann legten wir die Schwerpunktaufgaben für jede Abteilung fest und danach die dazugehörigen Unteraufgaben. Wir notierten alles auf verschiedenfarbige Kärtchen und klebten sie an die Wand. Mein Modebusiness besteht nun aus diesen sechs Abteilungen:

  • Unternehmens- und Markenstrategie
  • Produktentwicklung
  • Produktion und Lagerung
  • Marketing, Vertrieb und Versand
  • Controlling und Rechnungswesen
  • Prozessmanagement

Die letzte Abteilung konnte ich leider nicht abwenden, weil mein Mann darauf bestand. Allerdings hat bisher auch nur er in dieser Abteilung gearbeitet.

Zum Schluss entstand unser Meisterwerk, das mich stark an das verrückte Bild erinnert, welches der schizophrene Russel Crowe in Beautiful Mind an die Wand gemalt hatte. Aber das Niederschreiben, Besprechen und Festhalten aller Aufgaben war wie ein Befreiungsschlag! Alle schlafraubenden Gedanken habe ich förmlich abgegeben, indem ich sie auf eine Karteikarte geschrieben hatte. Tatsächlich konnte ich danach wieder schlafen, weil ich wusste, dass im Nebenzimmer der Masterplan meines Modebusiness an der Wand hing. Dafür bin ich meinem Mann unendlich dankbar.

Planen hilft das scheinbar Unmögliche zu bewältigen

Sicherlich denkst Du jetzt: Arbeitet diese Frau nun allein in diesen sechs Abteilungen? Wie gesagt, in der letzten arbeitet mein Mann, aber in den anderen fünf arbeite im Moment hauptsächlich ich. Ein Bekannter sagte beim Anblick unseres Masterplans: „Mensch, um das allein zu schaffen, musst du ja Jesus Christ sein!“ Ich fragte mich beim Anblick unserer Planung ebenfalls, ob ich mich nicht wieder hinter dem Schreibtisch meines alten Arbeitgebers verkriechen möchte. In dem Sinne stellte die Planung meines Geschäftsmodells gleichzeitig ein finales Commitment dar, mich auf das Abenteuer “Modelabel gründen” einzulassen. Ich nahm die Herausforderung an und habe es seitdem nicht bereut (nur manchmal ins Kissen geheult). Im Moment sind einige Abteilungen noch nicht voll ausgelastet, so dass ich tatsächlich alles größtenteils allein schaffe. Ich sage bewusst größtenteils, denn ich arbeite ja mit unterschiedlichen Lieferanten und Partnern zusammen. Die sind zwar nicht eingestellt, aber trotzdem Teil meines Teams. An dieser Stelle ist es angebracht, meiner Schwester für ihre herausragende Unterstützung zu danken. Ich bin so dankbar, dass sie mir trotz ihres 24 Stunden-Jobs unter die Arme greift! Neben ihr habe ich auch noch viele andere Menschen, die mich unterstützen. Denen widme ich mal einen eigenen Blogbeitrag zu Weihnachten.

Planen ist ein trockenes Thema. Auch wenn ich versucht habe, diesen Beitrag mit dem Clown in mir aufzulockern, bleibt es ein trockenes Thema. Mich würde interessieren, was Du zukünftig hier lesen möchtest. Wartest Du auf ein bestimmtes Thema? Hast Du einen bestimmten Beitrag besonders gern gelesen? Hinterlasse mir gerne Deine Meinung in den Kommentaren. Ich freue mich über Dein Feedback!

Fotos: P.M., Michal Parzuchowski