Nachhaltigkeit made in Berlin

Findest Du es auch so spannend wie ich, neue Menschen kennen zu lernen?

Mich faszinieren die Geschichten, die jeder Mensch mit sich bringt. Woher kommt er und woran glaubt er? Wie ist er dorthin gekommen, wo er heute ist?  Beim Aufbau meines nachhaltigen Modelabels hatte ich das Glück, viele neue Bekanntschaften zu machen.

2009 haben Benjamin Itter, Enrico Rima und Christoph Malkowski das Unternehmen Lebenskleidung in Berlin gegründet und bieten seitdem modische nachhaltige Stoffe an. Stoffe, die so schön und qualitativ hochwertig sind, dass ich sie für meine ersten beiden Kollektionen verwenden musste. Vor einigen Wochen besuchte ich die drei Jungs in ihrem Büro in Kreuzberg, um mir von Enrico die Story hinter Lebenskleidung erzählen zu lassen:

Warum habt ihr euch für den Handel mit nachhaltigen Stoffen entschieden?

Keiner von uns hatte zuvor die Idee sich selbständig zu machen. Es fing damit an, dass Benjamin und ich 1 1/2 Jahre in Indien studiert haben. Durch mein Studium der Umweltwissenschaften war ich schon ein Öki, bevor ich nach Indien gegangen bin. Ich hatte mich bereits in Deutschland für Ernährung und ökologische sowie regionale Themen interessiert. Kleidung hatte ich damals aber noch nicht im Sinn.

Und wie seid ihr dann zu nachhaltigen Stoffen gekommen?

In Indien erfuhr ich, dass sich durchschnittlich 12.000 Baumwollbauern im Jahr das Leben nehmen. Das Problem sind die Gifte, die beim Baumwollanbau zum Einsatz kommen. Bei meinen Recherchen stieß ich auch auf Sumangali. In Indien leiden viele Familien unter der hohen Mitgift, die sie bei der Vermählung ihrer Töchter zahlen müssen. Das nutzen die Textil-Industriebosse aus und bieten den Familien einen Arbeitsplatz für ihre Tochter in ihren Baumwollfabriken an. Für z.B. drei Jahre Arbeit kann sich die Tochter die Mitgift und ein zusätzliches Gehalt erarbeiten. Letztendlich werden die jungen Mädchen in solchen Fabriken wie Leibeigene behandelt. So findest du entlang der gesamten Herstellungskette beim Färben, bei der Konfektion, usw. Missstände, die mir während meines Indienaufenthalts förmlich vor die Füße gefallen sind.

Letztendlich war der Trigger ein Zeitungsartikel über das Färben von Bio-Stoffen mit ayurvedischen Kräutern, um Krankheiten durch das Tragen der Stoffe zu heilen. Da kamen wir das erste Mal auf die Idee, dass man auch coole Projekte mit ökologischem und sozialen Anspruch umsetzen kann. Wir stellten Bettwäsche aus ayurvedisch gefärbten Stoffen her und Lebenskleidung war geboren. Leider haben wir nicht bedacht, dass die ayurvedische Bettwäsche nur bei 30 Grad gewaschen werden durfte, was sich in Deutschland als großes Problem erwies. Irgendwann bekamen wir das Feedback, dass die Auswahl an nachhaltigen Stoffen für die Modebranche zu klein wäre. So entstand die nächste Stufe unseres Business: Wir verkauften unsere ersten Stoffe mit Hilfe von Sammelbestellungen auf unserer Webseite. Mittlerweile bringen wir unsere eigenen Stoffkollektionen auf den Markt, die wir immer im Lager verfügbar haben.

Sumangali (mehr Infos auf der Seite von terre des hommes)

Wie habt ihr eure Stoffproduzenten gefunden?

Unseren türkischen Produzenten, mit dem wir seit 2007 zusammenarbeiten, haben wir ganz klassisch im Internet gefunden. Der Rest kommt dann übers Empfehlungsmanagement. Unser Produzent aus Portugal ist schon seit 25 Jahren in der Textilindustrie tätig und seit acht Jahren ist sein Unternehmen GOTS-zertifiziert. Heutzutage kann man über die GOTS-Datenbank ganz einfach zertifizierte Textillieferanten finden. Doch diese Beziehungen Stück für Stück vernünftig aufzubauen, ist dann erst die wirkliche Herausforderung. Vor allem, wenn man wie wir sehr hohe Ansprüche an die Stoffqualität hat.

Was für eine Beziehung pflegt ihr zu euren Stoffproduzenten?

Mit unseren zwei Hauptproduzenten in der Türkei und Portugal haben wir ein sehr enges Verhältnis. Es ist wie im Leben, man möchte mit Leuten zusammen arbeiten, mit denen es auch Spaß macht. Ich besuche unsere Produzenten regelmäßig vor Ort, was letztes Jahr mit den Unruhen in der Türkei etwas problematisch war. Schließlich bin ich dann doch geflogen, um meine Loyalität zum Ausdruck zu bringen. Schließlich kann mein Produzent ja nichts für die Politik seines Landes.

Welche Zukunftspläne habt ihr für euer Unternehmen?

Meine Vision ist es, nicht größer zu werden. Unsere Unternehmung soll nicht wachstumsgetrieben sein. Langfristig möchte ich mich mehr aus der operativen Arbeit zurücknehmen und entspannter arbeiten, um eventuelle neue Geschäftsideen in Ruhe durchdenken und ausarbeiten zu können. Ich bin ein Anhänger des 6 Std. Arbeitstages. Im Grunde wünsche ich mir einfach nur, dass wir in einem zufriedenen Team zusammenarbeiten. That’s it. Obwohl, ich wollte schon immer ein eigenes Organic Cotton Projekt aufziehen. Näher an den Leuten sein, die die Produkte für uns herstellen. Das würde mir Spaß machen.

Foto: Ann-Christin Schmitt, Christel Kovermann

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