Täglicher Archiv: nachhaltige Mode

l'amour est bleu Who made my clothes

Who made my clothes – Warum es wichtig ist, danach zu fragen.

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Es ist wieder Fashion Revolution Week und Konsumenten werden dazu aufgerufen, die Modemarken zu fragen: „Who made my clothes?“ – „Wer hat meine Kleidung hergestellt?“ Wer die Organisation Fashion Revolution noch nicht kennt, es handelt sich dabei um eine Nonprofit Organisation, die nach dem Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch gegründet wurde. Bei diesem tragischen Unfall starben 1.138 Menschen und 2.500 wurden verletzt, womit sie zu einen der schlimmsten Industriekatastrophen der Geschichte gehört. Dabei darf nicht vergessen werden, dass dies nicht der einzige Fabrikeinsturz in der Textilindustrie war. Seitdem ruft Fashion Revolution am 24. April zur Fashion Revolution Week auf, um an die Opfer von Rana Plaza zu gedenken und eine Veränderung in der Modeindustrie zu bewirken.

Rana Plaza änderte alles

Auch mich hat damals dieser tragische Unfall stark erschüttert und ich hinterfragte mein Kaufverhalten und die Industrie, in der ich arbeitete. Bis zu dem Zeitpunkt hat mir Mode unheimlich viel Spaß gemacht. Ich probierte neue Trends aus und wartete sehnsüchtig auf jeden ZARA-Sale. Jeder H&M Designer-Kollaboration fieberte ich mit Hochspannung entgegen. Als ich das erste Mal in London war, musste ich auf jeden Fall einen Primark aufsuchen. Ich kannte die neuesten It-Bags und -Schuhe und träumte davon, irgendwann genug Geld zu verdienen, um sie mir zu leisten. Ich hatte so viel Kleidung und noch viel mehr Schuhe und trug trotzdem immer die gleichen Sachen. Rana Plaza rüttelte an mir, doch mein Konsumverhalten wollte oder konnte ich noch nicht ändern. Erst als ich die Ausstellung Fast Fashion besuchte und mir plakativ vor Augen gehalten wurde, wie wir Konsumenten Mode zu einem Wegwerfprodukt degradiert haben und welche Auswirkungen es auf die Umwelt und Menschen hatte, fühlte ich ein Unbehagen aufkommen. Ich werde nie vergessen, wie ich aus dieser Ausstellung kam und wirklich traurig war. Traurig darüber, welche negativen Facetten die Branche hatte, in der ich mit Leidenschaft arbeitete. Ich konnte mich immer weniger mit den Werten meines alten Arbeitgebers identifizieren. Ich hatte tolle Arbeitskollegen und arbeitete unter wirklich guten Arbeitsbedingungen. Doch die Mentalität „Mehr für niedrigere Preise verkaufen“, konnte ich nicht mehr teilen.

Mir wurde bewusst, dass es nachhaltige Mode sein musste. Das war für mich die einzige Möglichkeit, um in dieser Branche weiterhin tätig zu bleiben. Dieser Entschluss fühlte und fühlt sich immer noch richtig an. 

Der private Umzug nach Berlin gab mir die Möglichkeit mein Arbeitsumfeld zu ändern. Es war nicht von vornherein klar, dass ich mich der nachhaltigen Mode widmen würde. Doch als ich die freie Zeit nutzte, um über die letzten Jahre meines Berufslebens zu reflektieren wurde mir bewusst, dass es nachhaltige Mode sein musste. Das war für mich die einzige Möglichkeit, um in dieser Branche weiterhin tätig zu bleiben. Dieser Entschluss fühlte und fühlt sich immer noch richtig an. Endlich hatte ich das Gefühl aktiv die Modebranche verändern zu können. Über die Schwierigkeiten moderne, nachhaltige Mode zu entwerfen hatte ich dir bereits in vorigen Blogposts erzählt. Das Mindestmengenproblem bereitete mir mit der geringen Auswahl an schönen nachhaltigen Stoffen Kopfzerbrechen. Wie sollte ich nachhaltige Mode machen, wenn die Industrie mich dazu drängt möglichst hohe Mengen an Stoff zu kaufen und möglichst hohe Stückzahlen zu produzieren? Da ich im Allgemeinen noch dazu neige den schwierigsten Weg auszuwählen, setzte ich mir noch das Ziel eine lokale Produktion in Deutschland umsetzen zu wollen.

l'amour est bleu stock photo

Muss es wirklich “Made in Germany” sein?

„Warum produzierst du in Deutschland? Ist das nicht teuer? Du hast doch viele Kontakte im Ausland“. Ja, es ist teuer. Und ja, ich habe viele Kontakte im Ausland, wo es mich nur ein Drittel oder noch weniger kosten würde – und die Musterungskosten von ca. 300 € pro Style entfallen würden. Ich setzte mir bei der Gründung von l’amour est bleu das hohe Ziel eine 100% nachhaltige Lieferkette zu etablieren. Aus diesem Ziel wurde schnell ein Wunschdenken. Bei den Stoffen konnte ich dank Zertifizierungen sicherstellen, dass die Lieferkette von der Faser bis zum fertigen Stoff umweltschonend und sozial fair war. Doch bei der Produktion musste ich kapitulieren: Fairtrade- oder GOTS-zertifizierte Produktionsstätten lachten mich förmlich aus, wenn ich mit meinen 50 Stück pro Style um die Ecke kam. Natürlich konnte ich auf einen der Produzenten aus meinen alten Jobs zurückgreifen. Doch ich wusste, dass ein Produzent im Ausland zwangsläufig mit vielen Reisen verbunden war, um die Arbeitsbedingungen zu kontrollieren. Ich konnte nicht mit gutem Gewissen nachhaltige Mode verkaufen, wenn ich mir nicht zu 100% sicher sein konnte, dass mein Produzent wirklich unter fairen Bedingungen meine Bekleidung herstellt. Oder die Produktionen nicht an Unterlieferanten weitergibt.

Die Fabrik war eigentlich ein Wohnhaus, in dem sich ebenfalls hohe Bekleidungstürme sammelten. Dazwischen standen ein bis zwei Nähmaschinen. Meine Familie erzählte mir, dass sie Mode für westliche Marken herstellten, doch für welche, das konnten sie mir nicht sagen.

Bereits zum Ende meines Modedesignstudiums erlebte ich, wie gängig die Praxis war, Textilproduktionen an Unterlieferanten zu vergeben. Dabei wird ein Teil oder die gesamte Produktion an einen anderen Produzenten vergeben, der den Auftrag zu sehr niedrigen Preiskonditionen umsetzt. Durch den hohen Preisdruck, den westliche Modemarken auf die Produzenten ausüben, werden sie oftmals gezwungen diesen Weg zu gehen. Das Problem an dieser Sache ist, dass man nicht weiß, an wem der Auftrag weitergegeben wird. Unter welchen Bedingungen arbeiten die Schneiderinnen? Sind womöglich Kinder involviert? Zum Ende meines Studiums reiste ich mit meiner Familie zum ersten Mal nach Vietnam. Dort besuchten wir Verwandte in einem kleinen Ort namens Mytho. In Vietnam lassen viele Menschen ihre Eingangstür geöffnet – eine willkommenheißende Geste, die mir Einblick in viele Häuser gewährte. Ich entdeckte in vielen Häusern riesige Türme von Bekleidung. Meine Familie arbeitete in der Bekleidungsbranche und ich durfte einen Blick auf ihre Arbeit werfen. Die Fabrik war eigentlich ein Wohnhaus, in dem sich ebenfalls hohe Bekleidungstürme sammelten. Dazwischen standen ein bis zwei Nähmaschinen. Meine Familie erzählte mir, dass sie Mode für westliche Marken herstellten, doch für welche, das konnten sie mir nicht sagen. „Uns bringt jemand die zugeschnittenen Stoffe vorbei und wir nähen die Kleidung zusammen“. Sie zeigten mir eine Cargohose mit aufgesetzten Taschen im urbanen Stil, eine Hose die man bei H&M, Takko oder anderen preiswerteren Modemarken findet. 70 Cent erhielten meine Verwandten pro genähte Hose. Meine Frage, ob die anderen Häuser mit den Bekleidungstürmen ebenfalls solche Aufträge erledigten, bejahten sie. Ich verstand damals dieses System nicht. War aber erschrocken über diesen geringen Produktionspreis, weil ich wusste, dass solch eine Hose bei H&M etwa 19,90 € kostete.

l'amour est bleu Mytho

In der Mode dreht sich alles um den Preis

Als ich später begann in der Modeindustrie zu arbeiten, verstand ich, was ich damals in Vietnam gesehen hatte. Keiner meiner ehemaligen Arbeitgeber übergab bewusst ihre Aufträge an fragwürdige Unterlieferanten. Es waren die Produzenten, die es illegaler Weise taten. Manchmal hatte das Unternehmen Glück und kam selber dahinter, im schlimmeren Fall war es die Presse. Doch ich erlebte bei meinem ersten Arbeitgeber auch die Umstände, die die Produzenten dazu nötigte, solche Praktiken anzuwenden. Bei meinem ersten Job war ich Designerin, Einkäuferin und Qualitätscontrollerin. Viel zu viele Aufgaben für eine einzige Person, aber ich denke das verdeutlicht, wie die Arbeitsmoral in diesem Unternehmen war. Als Einkäuferin musste ich die Produktionspreise mit den Produzenten verhandeln, welche ich von einer anderen Abteilung vorgeschrieben bekam und durchzusetzen hatte. Der Druck war enorm, denn höhere Produktionspreise wurden nicht akzeptiert. So übten wir tagtäglich Druck auf die Produzenten aus, deren Existenz von den hohen Ordermengen dieses Modeunternehmens abhingen. Meine Chefin war eine Frau Ende 20 (oder Anfang 30), die sich in ihrem Beruf mehr als selbst verwirklichte. Sie und viele andere Kolleginnen arbeiteten jeden Tag im Monat und verbrachten ein bis höchstens zwei Wochenenden zu Hause. Dementsprechend hatten diese Frauen kein Verhältnis mehr zur Realität. Meine Chefin ging förmlich in ihrer Machtposition auf und ließ ohne mit der Wimper zu zucken fertig produzierte Aufträge platzen, weil sich der Liefertermin verschob oder ihr eine Naht nicht passte. Einmal trieb sie einen Produzenten in die Insolvenz, weil sie eine hohe Order stornierte. Für sie ein Erfolg, den sie erst einmal in der Mittagspause mit den anderen Kolleginnen teilen musste. Ich blieb in diesem Laden nur sechs Monate. Es war eine furchtbare Zeit, doch ich nahm viel für mein zukünftiges Berufsleben mit.

l'amour est bleu Produktion

Eine Produktion in Jahnsdorf

Diese Erlebnisse prägten mich so sehr, dass ich mir vornahm alles anders zu machen. Ich wollte meine Produzenten gut kennen und ihnen vertrauen können. Zudem wollte ich nicht den Großteil meiner Zeit auf Lieferantenreisen verbringen, weil ich diese Zeit in meine Familie investieren wollte. Daher war eine Produktion in Deutschland naheliegend. Die Auswahl war nicht groß, ich konnte vier Produzenten auftreiben und entschied mich für das Studio U&N. Weil die ehemalige Geschäftsführerin freundlich, professionell und kompetent wirkte. Auch ihr Nachfolger Herr Weißbach machte einen guten Eindruck auf mich, der sich bestätigte. Bei meinem Besuch vor Ort stellte ich fest, dass meine Unternehmenswerte hier gelebt wurden. Zudem verzauberte mich der Ort an sich. Jahnsdorf ist ein ganz kleines Örtchen mit vielen kleinen Häusern, die so süß sind, dass darin Gartenzwerge wohnen könnten. Ich fand es schön, Frauen aus solch einem kleinen Ort Arbeit beschaffen zu können. Die 27 Schneiderinnen vom Studio U&N sind bodenständige Frauen im mittleren Alter, die keine sozialen Medien nutzen und fotoscheu sind. Umso mehr freute ich mich, dass immerhin die Produktionsleitung Frau Kolleck sich für ein Foto mit Herrn Weißbach bereit erklärte. Als ich meine Mail öffnete, stellte ich mit Entsetzen fest, dass ich ihnen das „Who made my clothes“- anstelle des „I made your clothes“-Schild zugeschickt hatte. Egal, die beiden lachten auf dem Foto so freundlich, dass ich es dankend entgegennahm.

Ältere Beiträge

Wie entwerfe ich moderne nachhaltige Mode?


Kennst Du das beklemmende Gefühl vor einem leeren Blatt Papier oder Dokument zu sitzen und auf Knopfdruck etwas produzieren zu müssen?

Ich denke, dass sich nicht nur Kreative in dieser Situation wiederfinden. Auch in meinem alten Job im Marketing saß ich oftmals vor einer leeren Powerpoint-Folie und wusste nicht, wie ich anfangen sollte. Beim Entwerfen der ersten nachhaltigen Damenkollektion für l’amour est bleu, fand ich mich tatsächlich mehrere Male in dieser Situation wieder. Und nicht nur im Design, sondern auch in vielen anderen Bereichen meines Unternehmens, hatte ich mehrmals das Gefühl vor einem leeren Blatt Papier zu stehen.

Anfang August wird die erste Kollektion von l’amour est bleu online gehen. Ich bin unsagbar froh, dies verbindlich schreiben und sagen zu können. Vom Gründerehrgeiz beflügelt war der Online-Launch bereits für März dieses Jahres geplant, doch die Realität sollte mich eines Besseren belehren. Wie ich im letzten Beitrag schon schrieb, wollte ich mich innerhalb des letzten Jahres schon mehrmals von der nachhaltigen Mode verabschieden. Zu Beginn meines Vorhabens war mir tatsächlich nicht bewusst, wie komplex die Realisierung einer modernen nachhaltigen Damenkollektion sein kann. Ganz zu schweigen von einer Produktion in Deutschland! Wahrscheinlich braucht man diese Art von Naivität, damit solche Ideen überhaupt geboren werden!





Die Idee vom modernen nachhaltigen Kleiderschrank

Als ich mit dem Entwerfen der ersten Kollektion für l’amour est bleu begann, kam mir die Idee eines Kleiderschranks: Kleidungsstücke, die auf die Bedürfnisse einer Frau im modernen Alltag abgestimmt sind. Diese werden in einzelne Kollektionen aufgeteilt, so dass jede Frau die passenden Kleidungsstücke für sich aussuchen kann. So kann sie nach und nach ihren modernen nachhaltigen Kleiderschrank aufbauen. Mir ist es wichtig mit meiner Mode verschiedene Stilrichtungen zu repräsentieren. In unserem Alltag finden wir uns in den unterschiedlichsten Situationen wieder, in denen uns nach einem bestimmten Outfit zumute ist. Es gibt Tage, an denen ich ein bequemes T-Shirt mit einer Jeans tragen möchte. Zu wichtigen Geschäftsterminen trage ich mein Powerdress, um meine Interessen durchzusetzen. Die Geburtstagsparty meiner Freundin würdige ich mit einem schicken Freizeitoutfit. Bei den vielfältigen Stilmöglichkeiten von heute, möchte ich meine Kundinnen und mich nicht nur auf eine Stilrichtung festlegen. Die Klammer bildet meine konstante Designhandschrift: Mit einem Mix aus Traditionen und Trends, schaffe ich etwas Neues und gebe jedem Kleidungsstück seine eigene Geschichte.

Die einzelnen Modelle für die erste Kollektion hatte ich schon lange im Kopf: Ein einfaches gemustertes Kleid, das schnell übergeworfen werden kann. Ein Layering-Kleid oder auch 2-in-1 genannt. Ich weiß, dass sich Letzteres furchtbar unsexy anhört. Da schießen Einem gleich langweilige Strickpullover mit eingenähtem Blusenkragen in den Kopf. Doch wer es so wie ich liebt, Längen und Muster verschiedener Kleidungsstücke zu kombinieren, für den sind gut designte Layering-Kleidungsstücke eine super Erfindung. Eine neu interpretierte klassische Bluse, die mit einem femininen Rock perfekt für’s Büro oder mit einer Jeans das ideale Ausgeh-Outfit ist.












Aus einer Zeichnung entsteht ein Kleid

Ein wichtiger Teil in der Umsetzungsphase ist das Prüfen der Designs auf Relevanz. Für mich gibt es nichts Unbefriedigenderes als Mode zu entwerfen, die niemand tragen möchte. Hierfür checke ich Google Trends, schaue mir Laufstegschauen an, scanne Wettbewerber und die sozialen Medien ab…letztendlich prüfe ich auf vielfältige Weise, ob meine Designs Sinn ergeben. Passen die Designs in einen aktuellen oder kommenden Trend? Oder entwerfe ich gerade das 1000. weiße T-Shirt?

Die Designs standen fest und nun ging es an die Umsetzung. Auf der Suche nach den passenden Stoffen, klapperte ich unzählige nachhaltige Stofflieferanten ab. Da wir am Anfang in kleinen Stückzahlen produzieren, bediene ich mich aus aktuell verfügbaren Stoffen. Viele Produzenten werfen nämlich erst ab einer Stoffbestellung von 500 bis 1000 Metern ihre Maschinen für Dich an. Das Angebot auf dem nachhaltigen Textilmarkt war sehr ernüchternd: Unendlich viele Kindermotive, Streifen und Sterne. Die Materialauswahl war ebenfalls übersichtlich: Baumwolle in allen Varianten. Manchmal etwas Leinen und Hanf. Nahezu unbezahlbare Bio-Seide. Aber ein Kleid lebt nicht nur vom Design, sondern auch vom Stoff.









Meine nächste Mission bestand darin, modische nachhaltige Stoffe ausfindig zu machen. Auf Messen in München und London sammelte ich unzählige Lieferantenadressen. Mit Hilfe von Google entwickelte ich mich zum Recherche-Weltmeister. Per E-Mail wurden die Stofflieferanten mit Fragen gelöchert: Wie sind die Stoffe zertifiziert? Wo kommen die Materialien her? Kennt ihr alle Produzenten innerhalb der Lieferkette? Wie gewährleistet ihr umweltschonende und faire Arbeitsbedingungen in der Herstellung der Stoffe? Dann ging die Recherche weiter, ich prüfte die Produzenten und suchte nach Negativschlagzeilen. Mir ist bewusst, dass ich bei nicht GOTS-zertifizierten Stoffen nicht gewährleisten kann, dass alle Schritte in der Stoffherstellung nach GOTS-Standard nachhaltig sind. Was ich gewährleisten kann ist, dass ich die Lieferkette bei allen verwendeten Stoffen geprüft habe. Zudem vertraue ich auch auf meine Stofflieferanten. Wenn sie mir versichern ihre Produzenten regelmäßig zu besuchen und auf nachhaltige Arbeitsmethoden zu prüfen, glaube ich ihnen. Ein nachhaltiges Business kann nicht nur auf Kontrolle basieren, sondern muss auch auf Vertrauen aufbauen.

Meine ersten Entwürfe habe ich mehrfach überarbeitet, um die beste Lösung für eine moderne nachhaltige Damenkollektion zu bekommen. Wenn ich nun die erste Kollektion sehe und fühle, bin ich zufrieden. Um das Streifenmuster bin ich nicht herumgekommen. Aber mit Coco Chanel als Erfinderin, sind Streifen durchaus ein Fashion Statement! Die Farbgebung ist monochrom in schwarz-weiß-grau gehalten. In meinen Augen eine gute Farbgebung für eine modische Basic-Kollektion als Grundlage für den Kleiderschrank. Im Gegensatz zur einfachen Farbgebung sind die Stoffe umso vielfältiger: Baumwoll-Jersey und -Sweat sowie Bambusseide und -Jersey. Die Stoffe sehen wunderschön aus und fühlen sich toll an. Du kannst gespannt sein!




Fotos: Nancy Jesse, Priscilla du Perez, Jazmin Quaynor



Vom Spielzeugladen zum Modelabel

Weißt Du noch, was Du als Kind werden wolltest?

Während meine Freundinnen Tierärztinnen oder Lehrerinnen werden wollten, hatte ich zwei ganz andere Traumberufe: Spielzeugladenbesitzerin und Bürgermeisterin von Hamburg. Der erste Beruf war eher eigennütziger Art – ich hatte die geniale Idee, alle Spielsachen vor dem Verkauf ausgiebig auszutesten, um nur die besten Spielsachen zu verkaufen! Was mich bei der Bürgermeisterin ritt, das weiß ich bis heute nicht.

Das Schicksal hat für mich allerdings einen anderen Beruf vorgesehen – heute bin ich Geschäftsführerin meines eigenen Modelabels l’amour est bleu. Rückblickend sind meine ersten beruflichen Ambitionen von meiner jetzigen Berufung gar nicht so weit entfernt…



Mit Kleidern Geschichten erzählen

Meine ersteren Traumberufe habe ich an den Nagel gehängt, nachdem ich meine Leidenschaft für das Zeichnen entdeckt habe. Mein Vater ist ein begnadeter Zeichner und konnte mit einer Leichtigkeit alle meine Wünsche zu Papier bringen. Ich war fasziniert von seiner Gabe und wünschte mir, auch so gut zeichnen zu können. Ich verbrachte Stunden mit dem Zeichnen von Menschen, zu denen ich mir Geschichten im Kopf ausmalte. Irgendwann kommt man in ein Alter, in dem Erwachsene von Dir erwarten, konkrete Berufswünsche zu äußern. Für mich war klar: Ich werde Modedesignerin! Menschen einkleiden ist für mich wie Geschichten erzählen. Wenn ich ein Kleid entwerfe, entsteht in meinem Kopf gleichzeitig eine Geschichte über die Person. Was für ein Mensch ist sie und was erlebt sie mit diesem Kleidungsstück? Manchmal inspirieren mich auch Menschen zu neuen Designs oder mein Wunsch für einen bestimmten Anlass ein besonderes Kleid tragen zu wollen gibt mir neue Ideen. Mensch, Kleid und Geschichte gehören für mich unmittelbar zusammen.


Was für Mode möchte ich entwerfen?

Meine Vorstellung eines Modelabels hatte am Anfang nicht im Geringsten mit Nachhaltigkeit zu tun.                                    

Letztes Jahr brachen meine Familie und ich unsere Zelte im schönen Hamburg ab und suchten ein neues Zuhause in Berlin. Dies fühlte sich für mich nach dem richtigen Zeitpunkt an, um meinen lang gehegten Traum in Angriff zu nehmen. Endlich hatte ich die Ruhe und Zeit mir darüber Gedanken zu machen, welche Art von Mode ich entwerfen möchte. Welche Werte soll sie widerspiegeln? Was für ein Unternehmen möchte ich gründen? Als ich meine letzten 10 Jahre in der Modebranche Revue passieren ließ, wurde mir bewusst, dass ich vieles anders machen wollte. Ich konnte für die Mode nicht mehr die Leidenschaft aufbringen, die ich damals empfand. Dazu trugen die schlimmen Ereignisse in den Produktionsländern und all die Wahrheiten, die danach ans Licht kamen, bei. Im Gegensatz dazu entwickelte sich die Modewelt immer mehr zu einem oberflächlichen Zirkus, in dem Menschen Mode nicht mehr als Ausdruck ihrer Persönlichkeit nutzen, sondern sich nur noch gedankenlos inszenieren. Mir fehlte die Leidenschaft, die ich damals im Studium beim Entwerfen und Herstellen eines Kleides empfand oder die ich auch heute noch spüre, wenn ich ein anspruchsvoll designtes Kleid in der Hand halte. Ich habe mich oftmals gefragt, ob ich noch Teil dieser Modewelt sein wollte.



Trotz der vielen Zweifel konnte ich mir einfach nicht vorstellen einem anderen Beruf nachzugehen. Dafür ist meine Leidenschaft für Mode einfach zu groß! Also entschied ich mich Mode zu schaffen, mit der ich mich wieder identifizieren konnte. Mode sollte wieder ihren hohen Stellenwert erhalten und nicht nur „die zweitgrößte umweltschädigende Industrie der Welt“ sein. Mode sollte wieder etwas Besonderes für die Menschen sein. Mir wurde bewusst, dass Nachhaltigkeit ein unabdingbarer Wert für mein Modelabel werden musste. Wie soll man sich in ein Kleid verlieben, wenn man sich nicht sicher sein kann, ob daran nicht das Leid anderer Menschen und der Umwelt hängt? Ich möchte ein Kleid mit gutem Gewissen tragen und lieben und auch anderen Menschen diese Möglichkeit geben.


Was bedeutet Nachhaltigkeit bei l’amour est bleu?

Bei meiner Recherche zum Thema Nachhaltigkeit in der Modeindustrie, stieß ich auf viele unterschiedliche Definitionen und Umsetzungen. Mir wurde klar, dass ich für meine Mode eigene Nachhaltigkeitsziele setzen musste. Mir ist es wichtig, dass die Mode von l’amour est bleu von der Faser bis zum fertigen Kleidungsstück unter fairen Arbeitsbedingungen und umweltschonend hergestellt wird. Für die Mode verwende ich zertifizierte nachhaltige Stoffe und sie wird lokal in Deutschland produziert. Wir unterstützen einen der letzten Schneidereibetriebe aus dem Erzgebirge, wo der historische Ursprung der deutschen Textilindustrie liegt.

Ein Modeunternehmen besteht allerdings aus viel mehr als die reine Produktion der Bekleidung. Zu gerne würde ich behaupten können, dass das gesamte Unternehmen l’amour est bleu nachhaltig ist. Diese Entwicklung wird erst nach und nach kommen können. Genauso wie in meinem Privatleben auch. Mein Kleiderschrank ist in keiner Weise zu 100% nachhaltig und genauso wenig kann ich von mir behaupten, dass mein Lifestyle einen Preis für Nachhaltigkeit gewinnen könnte. Aber meine Familie und ich arbeiten darauf hin, genauso wie mein Unternehmen auch.





Mode und Nachhaltigkeit – eine große Herausforderung

Innerhalb des letzten Jahres gab es viele Momente, in denen ich mich von der Nachhaltigkeit verabschieden wollte. Genau genommen, hatte ich erst vor zwei Wochen wieder diesen Gedanken! Jede neue Kollektion ist für mich eine neue modische Herausforderung: Es fängt bei den nachhaltigen Materialien an, geht beim zeitlosen Design weiter und endet bei den relativ hohen Produktionskosten in Deutschland. Ich habe oft das Gefühl in meiner Kreativität ausgebremst zu werden, weil ich so viele Rahmenbedingungen einhalten muss.

Letzte Woche fand endlich das Fotoshooting für die erste Kollektion statt. Als das Model das erste Outfit anprobierte, geschah etwas Wunderbares: Ich verliebte mich in meine selbst entworfenen Kleider! Das Team war begeistert davon, wie toll die Kleider an ihr aussahen. Dieser Moment ließ die ganzen Zweifel und Versagensängste der letzten Monate wieder schwinden. Ich wusste, dass ich mich für den richtigen Weg entschieden habe.

Rückblickend auf meine ersten beruflichen Ambitionen wird mir bewusst, dass mein heutiger Beruf gar nicht so weit davon entfernt ist. So wie die Beweggründe zur Spielzeugladenbesitzerin mein Bedürfnis nach Spielsachen stillen sollte, schaffe ich heute Kleider, um meine Leidenschaft für Mode zu stillen. Diese Leidenschaft möchte ich auch mit anderen Menschen teilen. Denn für mich sollten so viele Menschen wie möglich die Möglichkeit haben, sich mit gutem Gewissen modisch zu kleiden. Über den Traumberuf der Bürgermeisterin muss ich allerdings immer noch lachen! Vielleicht hatte ich damals als Kind schon den Wunsch, etwas für die Menschen tun zu wollen und die Welt zu verändern. Das möchte ich auch heute noch. Oder ich wollte einfach nur wichtig sein…dafür ist die Bürgermeisterin von Hamburg wiederum eine sehr bescheidene Wahl!



Mit diesem Blog möchte ich Dir die Geschichte vom Modelabel l’amour est bleu erzählen. Jede Woche veröffentliche ich hier ein neues Kapitel über meine Abenteuer als Unternehmerin und nachhaltige Modedesignerin. Ich freue mich, wenn Du mitliest und mit mir Deine Gedanken, Ideen und Anregungen teilst.


Fotos: Nancy Jesse